Mundart in Kirn-Land schlägt jedes TV-Programm - Dann ist Weihnachten! An Bomben auf Becherbach am 4.11.1944 erinnert - Leider kein Frieden in der Welt!

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Fotos unten -Textende- Kirn. Region. Selbst das beste Fernsehprogramm kam gegen die 27. Mundartlesung in Kirn-Land nicht an, dankte VG-Bürgermeister Werner Müller zum Jahresabschluss fürs Kommen. Nur selten füllten mehr Zuhörer den Sitzungssaal von Kirn-Land. Der Tannenbaum brannte – die Besucher saßen bis in den Flur, wo von den Mitarbeitern einladend mit Getränken und Plätzchen liebevoll gedeckt war. Heimatliteratur lag bei Waldemar Klee in gedruckter Form aus, und Anekdoten und Gedichte, Erzählungen und Erinnerungen in Prosa oder Reimversen wurden von den acht Schriftstellern von Nahe und Glan, aus dem Hunsrück und Rheinhessen heiter bis nachdenklich, in jedem Falle aber sehr authentisch und rhetorisch brillant, vorgetragen.

Mit dem Adventslied „Tochter Zion“ eröffneten Sopranistin Caro Wagner aus Neubamberg und Heidrun Eggert-Schmidt aus Weinsheim am Flügel für die erkrankte Sandra Weiss, sie bereicherten die Mundartlesung musikalisch mit den schönsten Melodien und brachten auch Weihnachtslieder zu Gehör, die der Simmertaler Joachim Franzmann in Mundart textete.

Grandseigneur Werner Barth aus Becherbach erinnerte sich an „Bomben auf Becherbach“ am 4. November 1944, wo zwei Kinder starben und er nur knapp entkam, und an „Hungerjahre“ aus seinem ersten Buch „Im Dorf dehäm“. Der 79-Jährige frühere Landwirt, Mundartpoet und Ortsbürgermeister in zwei Legislaturperioden war 1984 in Bad Kreuznach Schambes-Klappergässer-Preisträger beim Wettbewerb unserer Zeitung für heimische Mundart und ist von Anfang an mit von der Partie. Barth trat als Zeitzeuge und Mahner auf: „No´m Kriech war det erscht Gebot, wie packe mir die Hungerschnot?“ – und dass das Leid „net grera war, war Verdienst der Bauerschfra. Dodran sollt ma heit noch denke, bevor mer Bauerschleit dut kränke“ - hob Barth mahnend den Zeigefinger und bedauerte: „Es ist bis heit kee Friede wor, in dem Land, wo Jesus is` gebor“.

Ebenso stark und inhaltsreich liebgewonnene Kindheitserinnerungen von Christa Berlandy aus Simmern, die zu Fuß die Christmette im Hunsrückdom Kloster Ravengiersburg besuchte und „Die Brücke“ vorlas. Liesel Franz aus Maiermund las zwei Gedichte vom Advent und Weihnachten und führte ein lebhaftes Gespräch mit dem alten Kohleofen auf dem Dachboden, der viel zu berichten wusste und auf seine Renaissance wartet. Wie alle Mundartpoeten erhielt die Seniorin herzlichen Applaus. Schullehrer Norbert Schneider las zwei „Stickelcher“ – die Geschichte seines Kollegen, der den Uznamen „Rotstift“ erhielt, und vom „Inkääfe“, wo er sehr lebensnah und echt die stressigen Abläufe im Supermarkt-Kassenbereich schilderte, und er sich selbst ganz professionell in einer Pointe mit der verpönten Tasse Tee „Innere Ruhe“ belohnte.

Günter Hamann aus Belgweiler ist dank einer Organspende ein sportlich erfolgreicher Athlet und deutscher Meister, der seine Muttersprache pflegt; - „Reich mit wenig Geld“ beschrieb er in wunderschöner Bildersprache die schwere Arbeit in der Landwirtschaft und den Kauf eines Eicher-Bulldogs sowie den Wandel vom Plumpsklo auf dem ersten WC. „Een Bettflasch“ handelte von ausgeckten und umgesetzten Bubenstreichen in seiner Kindheit.

Beim „Adventskaffee mit der Oma“ beschrieb Elfriede Karsch aus Waldböckelheim humorvoll-heiter die heutige frühreife Handy-Jugend, die hemmungslos `ran geht wie Blücher und die Oma staunend zurück lässt – was zu Pointenreichen Reaktionen der spitzbübischen Oma führte. „Weihnachtstheater“ des 66-jährigen Urgesteins der Mundartszene waren aktuell und druckfrisch für Herz und Gemüt.

Couragiert mit Gitarre und ihrer stoischen, rhoihessischen Schlagfertigkeit trat Marita Reinhardt aus Wonsheim auf und ließ tief blicken bei der Frage, was wahres Glück ist oder sein kann. Der Holzwurm in der „Kerscheorschel“ und das Fortbildungsseminar waren weitere, exzellent vorgetragene Stücke. Sie kommt immer wieder gern und feierte wie der Hahnenbacher Moderator Sven Schäfer vor vier Jahren ihre Premiere. Last but not least las der Simmertaler Joachim Franzmann aus seinem neusten Werk „Von Mensche un Leit“. Mit 15 sollte der erste Kuss am Gardasee endlich gelingen. Der frühere Grundschulrektor nahm die Zuhörer mit auf seine spannende und prickelnde „Brautschau im Urlaubsparadies“- da wurden bei jedem Zuhörer Erinnerungen wach. Franzmann las auch „das einzig wahre“ Weihnachtsevangelium nach Lukas und trug dies in Pferdsfelder Platt vor. Das gemeinsam gesungene „O du fröhliche“ stimmte auf das Fest ein.

>>Die Sammlung für die Soonwaldstiftung und das geplante Walderlebniszentrum für kranke Kinder am Schloss Wartenstein erbrachte  777.- Euro.

>>Die 28. Mundartlesung ist bereits auf den 18. Dezember 2016 terminiert.


Alle Mitwirkende beim Erinnerungsfoto

Heimatliteratur gab es bei Waldemar Klee

Voller Sitzungssaal, hier: Elfriede Karsch