Fachkräftemangel grassiert! Wegfall von Meisterbrief 2004 war Beinschuss & "Klatsche fürs Handwerk" - Flüchtlinge lösen Probleme nicht - Goldener Boden ade`

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Fotos unten - Textende Kirn. Der Kirner Handwerks- Gesellenverein ist weltweit einmalig. Fritz Mildenberger aus Heimweiler, gelernter Maschinenschlosser und Kaufmann mit eigener Handelsvertretung, ist seit 30. Mai 2015 einstimmig gewählter neuer Vorsitzender und will den Verein auf Kurs bringen. Kein leichtes Unterfangen. Beim Waldfest gab „Fritzchen“ den Kellner; - der passionierte Imker mit 14 Bienenvölkern  streckte die Fühler aus, was den Mitgliedern unter den Nägeln brennt. Mit der Präambel „Gott segne das ehrbare Handwerk“ ist die Gilde bei ihren Treffen immer gut gefahren. Ebenso mit dem Zerfaß`schen Vereinslokal „Felsenkeller“ in der Dhauner Straße als inspirativer Dreh- und Angelpunkt, wo schon 1956 die zweite Fahne geweiht wurde. Heutzutage gebe es für das Kirner Stadtmarketing in Punkto Tourismus noch einiges zu tun und Gespräche zu führen: Kaum ein Lokal habe Sonntagsmorgens auch auf Nachfrage für einen zünftigen Frühschoppen geöffnet, und paradoxerweise hätten fast alle Marktplatzgastronomen am gleichen Tag Ruhetag, wurden Stimmen laut.

Im Handwerks-Gesellenverein gelte es, die Präsenz zu schärfen. Zwingend müsse neu justiert werden. Nicht alle denken so, wie das jüngste Mitglied, der Kirner Heizungsbauer Bastian Schlicht (23): „Ich bin sehr stolz auf meinen handwerklich erlernten Beruf und darauf, dass Alt und Jung mit Respekt im Verein zusammen arbeiten“. Recht hatte er, die Senioren zogen alle ihren Strang beim Waldfest: Ab 9.30 Uhr Heinrich Böres hinterm Tresen und Horst Peitz am Grill, ganz stark das Ü-60-Team um Vize Otto Weyand, Bernd und Roswitha Jakobi, Willi Lieser….

Kirns VfR 07 - Aktivist, Ehrenamtler und Malermeister Uwe Bauer sieht im (demografischen) Wandel die Crux und den Mitgliederstand gefährdet, denn das Handwerk habe längst seinen „goldenen Boden“ und an Akzeptanz verloren; zudem kann nur wer Gesellen- oder Facharbeiterbrief hat, Mitglied im Verein werden.

Tenor aller Befragten: „Facharbeiter fehlen. Arbeit ist da, man müsse ihr weit in Ballungszentren hinterher fahren“. Vieles hat sich zum Schlechteren verändert, seit dem 1. Januar 2004 mit der Nivellierung der Handwerksordnung das Inhaberprinzip über Bord geworfen wurde und 53 Handwerke ohne Meisterpflicht zugelassen wurden, die Hartz I bis Hartz IV- Gesetzgebung und die Auswirkungen der Agenda 2010 ihren Lauf nahmen. Eine Klatsche für´s Handwerk, weil in der Folge viele subventionierte „Neu-Firmengründer“ mangels Grundkenntnisse und Finanzausstattung das „Messer in der Sau“ stecken ließen und Konkurs anmeldeten.

„Die Abschaffung des Meisterbriefes war eine Katastrophe“, daraus macht der 63-jährige Lehrlingswart und Mitglied im Prüfungsausschuss bei der Elektroinnung, Manfred Heinrich, im Gesellentreff an der K 9 keinen Hehl. Ja, momentan werde zu wenig in seiner Branche ausgebildet, bestätigte er – aber: Ausbildung müsse „Hand in Hand“, in einem gesunden Verhältnis Meister-Geselle-Azubi erfolgen und wer kein deutsch spricht, könne bei der Prüfung nicht zugelassen werden.

Rückblick: Es war vor 135 Jahren, am 24.Juli 1880, als sich 53 Personen nach Aufruf in der Kirner Zeitung zu einer konstituierenden Sitzung im Gasthaus Föhlinger trafen und 34 „Gesellen und Handwerksgehülfen hiesiger Stadt“ als Gründungsmitglieder den „Gesellen-Verein“ aus der Taufe hoben. Sinn und Zweck war neben der Geselligkeit die gegenseitige Hilfe in Notlagen auch für „umherziehende Gesellen in einer trostlosen und von Entbehrungen geprägten Zeit“. Zur Erinnerung: Erst 1883 wurde durch Bismarck die Krankenversicherung, 1884 die Unfall- und 1889 die Invaliden.- und Altersversicherung eingeführt. Zu allen Zeiten gab es Höhen und Tiefen –einmal verschwand auf Nimmer Wiedersehen der Kassierer mitsamt der Vereinsschatulle und oft gab es Zwist im Vorstand. 13 Mitglieder fanden im zweiten Weltkrieg den Tod, fünf waren vermisst, was 30 Prozent des Mitgliederstandes ausmachte. Nach der 100-Jahrfeier zählte der Verein um die 200 Mitglieder, beim 125. Jubiläum vor zehn Jahren waren es 192 - heute 123.

Aktuell, im August 2015, setzt das Handwerk auf Flüchtlinge: „Kammern fordern ein sechsjähriges Bleiberecht“, berichtete die Rhein-Zeitung am 1. August 2015. „Da stehen wir noch ganz am Anfang“, sagte Elektromeister Bernd Jakobi, da werde vieles schöngeredet. „Wenn einer der deutschen Sprache nicht mächtig ist, kann man ihn doch nicht auf immer sensiblere Kunden loslassen“. Von 50 seien vielleicht drei dabei, der Rest seien Hilfskräfte, habe die Praxis bewiesen. „Der Fachkräftemangel ist gravierend“ bekräftigte er. Niemand habe Interesse daran, wenn es den Flüchtlingen und Asylsuchenden schlecht gehe. Aber man müsse auch die Realität und Probleme vor Ort sehen, und da stehe die Region „ohne vierspurigen B 41 Ausbau mit lauter Ampeln, Tempo 50 und 70-er Zonen mit dem Rücken zur Wand - das ganze Gebiet stirbt aus“, wetterte der 67-Jährige. Handwerksgesellen prangerten in schärfsten Tönen die Griechenland-Milliarden und den gewaltigen Missbrauch des Asylrechts scharf an – überdies wachse der Sozialstaat schneller als die Wirtschaft.

>>>Der Vorstand prüft intensiv, sich für moderne Berufszweige mit neuen  Befähigungsnachweisen zu öffnen. Der Gesellentreff auf dem Terrain von Otto Zerfaß wurde mit 400-Meter Wasserversorgung, neuen Toilettenanlagen, einer Sitz-Ebene und Spielgeräten für die Kinder auf Vordermann gebracht. Bei derzeit 18 Euro Jahresbeitrag werden bei Beerdigung eines Mitgliedes 75 Euro für die Grabpflege gezahlt. Die Statuten schreiben vor, Mitglieder beispielsweise im Krankenhaus zu besuchen, und es gibt nach dem Wahlspruch „Geselle ist, der was ersann, Meister ist, der was kann“ eine stattliche Gratifikation für den Meisterbrief.

 

Gruppenbild mit Damen: Beim Waldfest im Gesellentreff war der neue Vorsitzende Fritz Mildenberger (2.ter von rechts im grünkarierten Hemd) Koch und Kellner gleichzeitig. Es mangelte an nichts, die Tische waren voll besetzt, Musik machte „Papa Joe´s Family“.


Sie sorgten fürs Wohlergehen

Nette Menschen im Gesellenverein

Papa Joe´s Familiy machte Musik

Im Smart-Werk in Frankreich