Redakteur Paul Bregenzer: Echt Sowerummer Käsje als 81. bei Engbarth

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Bad Sobernheim. Die Zuhörer in der Bücherei und dem Kulturhaus Synagoge saßen bei der 81. Bad Sobernheimer Runde die Wendeltreppe hoch – alle wollten dem 67-jährigen Paul Bregenzer, Reprofotograf und Journalist im Ruhestand, direkt neben seinem Elternhaus zuhören.

Gastgeber Gerhard Engbarth verlas E-Mail Zuschriften quasi als Vorschusslorbeeren, die den Gast als charismatischen, stets freundlichen, interessierten und seinem Gegenüber zuwandten Zeitgenossen mit viel Mutterwitz und staubtrockenen Humor beschrieben.

Zur Vorstellung der eigenen Vita läuft eine Eieruhr zehn Minuten. Sie ist längst abgelaufen, als der Gast so richtig in Fahrt kommt: Als Sohn von Martha Erbach aus Meddersheim und Jakob Bregenzer sollte der kleine Paul die Ahnen-Linie als 14. Namensträger in der Felkestadt fortführen, die seit dem 18. Jahrhundert verbrieft ist. Pünktlich zur Sobernheimer Johanniskerb war Schluss mit der Reichsmark, Kotellei und dem Schwarzmarkt. Über Nacht kam die D-Mark, jeder Deutsche erhielt 1948 vier Zehner-Scheine – und so wurden die 4 und die 10 in Verbindung mit 1948 sein Geburtsdatum. Er wuchs im Umfeld der Synagoge mit fünf weiteren Geschwistern auf, wo die Fenster kaputt waren und die Zugluft die Wäsche trocknete. Bei Schwester Hartwiga ging er in den katholischen Kindergarten, danach in die Volksschule auf dem heutigen Parkplatz unterhalb des Ärztehauses. Ab 1966 begann er bei Melsbachs eine Lehre als Reprofotograf. Im ersten Lehrjahr gab es 66 Mark, im zweiten 99 und im dritten 111 D-Mark und sein erster Gesellenlohn 1969 betrug 3.33 D-Mark, bevor er zu Repro Scheiner nach Staudernheim wechselte und dann 1974 die erste Ölkrise und Rezession ihn seinen Job kostete. 16-jährig machte der Lehrling erste Bekanntschaft mit dem Vereinsleben – Opa nahm ihn zur Talentbildung mit in den Kirchenchor Cäcilia. Die wilden `68-er und die Außerparlamentarische Opposition (APO)  waren Lehrjahre eines Linken: „Meine linken Kumpels haben Bier gesoffen und nicht bezahlt“.  Jedenfalls wurde am Marktplatzeck, wo heute das Blumenhaus am Markt ist, eine nichtöffentliche Kneipe mit 300 Mitgliedern betrieben, der Marktplatz gerockt, was die Großkopferten und das Establishment mit Dealen und Kiffen in Verbindung und auf die Palme brachten. Paule leistete Vorschub: „Neues Material eingetroffen“, war im Schaufenster zu lesen. Es war Weckmehl, schmunzelte er in sich hinein. Mit seinem sauer verdienten Geld beglich er mit 1.000 Mark den Bierlieferanten, machte Tabula-Rasa und war von der APO kuriert und geheilt und trat der SPD bei. Am 17. März 1974 stellte er sich als jüngster Kandidat der SPD- Stadtratsliste und zog als Vorstandsmitglied im SPD Stadtverband, der IG Druck- und Papier und der Arbeiterwohlfahrt als Nachrücker ein. Bregenzer war AWO und Louvre-Mitbegründer ebenso wie zahlreicher Fördervereine.

Seine Frau Mechthild sang im Kirchenchor Alt, er Bass, und mit der Hochzeit 1979  schaffte er auf Empfehlung seines Pfarrers Rainer Vogt mit dem Ketteler-Kolleg in Mainz über den zweiten Bildungsweg das Abitur und den Wechsel zur schreibenden Zunft. Er wurde Redakteur. 1983 kam Sohn Matthias, 1987 Katharina auf die Welt. „Ich bin ganz stolz auf das, was sie können und leisten“ sagt er. Die Wohnung im Dachjuchee an der Nahestraße wurde zu eng, 1992 entstand das Eigenheim in der alten Ziegelei. Tief verwurzelt als „Nesthocker“ gehe ihm jedes Mal das Herz auf, wenn er aus Osten kommend Steinhardt passiert und „über seine Heimat und das gelobte Land“ blickt, plauderte er aus dem Nähkästchen. 2008 wurde Paul Bregenzer von der Kochendörfer-Stiftung das Goldene Herz verliehen: Laudator Werner Bohn hatte ihn damals in den Awo-Räumen in der alten Schule in professioneller Manier, teils in Prosa oder in Reimvers als charismatisches, „echt Sowerumer Käsje´s in einem Radius von einer Meile rund um den Kirchturm von Sankt Matthäus“ skizziert, wie es treffender nicht sein kann: „Paul der Sowerumer, der Jünger Gutenbergs, der Kreative, der Christ, der Linke, Dichter, Chronist und Spaßmacher und Paul- de Paul eben, wie er leibt und lebt“.

Paul Bregenzer hielt 1998 die „Goldene Herz“- Kulturpreis Laudatio auf seinen Gastgeber am Mittwochabend, Gerhard Engbarth. Pauls Platten-Partys ab 1966 und der „Sprudelball“ im heutigen EFG, oder als kreativer „Owwerverteler“ ebenso wie als geistreicher Kirchturm-Hahn Büttenredner mit Witz und Esprit blieben dabei mehr als „Randnotizen“ – die Ohren der Zuhörer klebten an seinen Lippen. Bei Dr. Werner Dümmler habe er auf dem Totenbett mehrere Interviews übers Ärztehaus, die Kläranlage Booser Au, den Markplatz und die Konversion geführt. Und wie schreibt man? „Ich habe immer aus meinem Bauch heraus geschrieben, dass es die Marktfrau und der Professor verstehen“. Was treibt ihn und was trägt ihn?, fragte Engbarth: „Der christliche und soziale Gedanke, das Humanitäre, was vielen Leuten dient“, antwortete der Gast spontan – früher habe auf der Plattenparty alles 99 Pfennig gekostet.

Er müsse unbedingt ein Büchlein schreiben – Anekdoten und Stadtgeschichte bewahren, meinte eine Zuhörerin. Dass er dies nach wie vor in Facebook veröffentlicht, war wenig hilfreich: „Ältere und die dies spannend interessiert, sind nicht dort unterwegs“.


Paul Bregenzer

mit seiner Bewerbung

81.ter bei Gerhard Engbarth

im Kulturhaus Synagoge