Grenzenlose Hilfsbereitschaft nach verheerendem Großbrand

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Fotos Textende Unten: Merxheim. Drei Generationen lebten und arbeiteten bis zum 27. Februar in dem im Ort tief verwurzelten landwirtschaftlichen Gehöft, zwei Wohnhäuser sind unbewohnbar, die Scheune stark beschädigt. Witterungsbedingt konnten erst am7. März externe Brandermittler und die Kripo Bad Kreuznach die Brandursache lokalisieren: „Technischer Defekt an der elektrischen Anlage auf dem Speicher“ und bezifferten den Schaden auf mehr als 250.000 Euro.

Nachlese zum Ereignis: Im vergangenen August feierten die aus Hochscheid am Fuße des Idarkopf stammende Gisela und ihr Mann Helmut Kistner Goldene Hochzeit. In den frühen Morgenstunden hörte das Ehepaar seltsame Geräusche vom Dachboden, dachte zuerst an mehrere Mader. Zu diesem Zeitpunkt war noch kein Qualm oder Rauch zu riechen, erinnert sich Gisela Kistner, so, wie er sich später tagelang über Merxheim legte. Strom und Telefon funktionierten nicht mehr, einzig die Dorflampe lieferte schemenhaft Licht.

„Steht auf, es brennt!“ rief Senior Helmut Kistner durch die Verbindungstür – sechs Personen schliefen in den beiden Wohnhäusern. Die Senioren, Tochter Iris Kistner und ihr Lebensgefährte sowie ihre beiden Söhne Sebastian (21 Jahre) und Lukas (19).

In Pantoffeln lief der 77-jährige zum 100 Meter entfernten Feuermelder ans Feuerwehrhaus, der auf halber Strecke schon losheulte, und den Nachbar Heinz Eberwein auslöste. „Keiner war für die Witterung korrekt gekleidet, jeder zog an, was er auf die Schnelle finden konnte“, erinnert sich Iris Kistner. Sie ist die örtliche Landfrauenvorsitzende und in der Kita des Bad Sobernheimer Albert-Schweitzer-Hauses tätig. Schnell wurden die Pkw´s aus dem engen „Winkel“ weggefahren. Die Löscharbeiten mit 100 Wehrleuten aus der ganzen Region gestalteten sich schwierig, es waren widrige Umstände, bitterkalt und spiegelglatt, Nachlöscharbeiten und Brandwache dauerten bis 21 Uhr. (Wir berichteten).

„Das ganze Dorf hat angepackt, felsenfest zusammengestanden – alle wuchsen über sich hinaus - eine ganz emotionale Geschichte“, äußerten Helfer und Wehrleute. Trotz des großen Unglücks, von jetzt auf gleich alles Hab und Gut verloren zu haben, überwiegt bei der Familie die Hoffnung und Zuversicht und die Dankbarkeit, „großes Glück im Unglück“ gehabt zu haben. Die Welle der Hilfsbereitschaft sei phänomenal und mit Worten nicht zu beschreiben: „Wahnsinn, überwältigend und aufbauend – bis heute ist die Hilfe und das Entgegenkommen nicht abgerissen. Herzlichen Dank an alle Helfer, an die vielen Spenden und Spender, an die Solidargemeinschaft, den ganzen Ort und natürlich die unermüdlichen Feuerwehrleute, die ruhig und souverän Vorbildliches leisteten, und wo ein Zahnrad ins andere griff“, sagt die 70-jährige Mutter, Oma und „Chefin“, emotional tief ergriffen und dankerfüllt.

Das DRK war vor Ort, psychologische Hilfe und Fürsorge von allen Seiten wurde für die beliebte Merxheimer Familie angeboten, weiß Ortsbürgermeister Egon Eckhardt. Ein ganz großes Kompliment seitens der Kistner-Familie ging an das Dorfoberhaupt, der sich vorbildlich kümmerte, sofort und täglich nach dem Rechten schaute, spontan Spendenkontos einrichtete, Flyer verteilen ließ, obwohl er als Brautvater seiner jüngsten 37-jährigen Tochter Tanja in den Polterabend und in die Hochzeit am Wochenende eingebunden war.

„Ich bin froh auf die Spendenflut und stolz, Merxheimer Ortsbürgermeister zu sein“, sagte Eckhardt.

„Wo kommt ihr unter, wir haben Platz“, hörte die Familie immer wieder. Täglich sitzt sie zusammen, das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten; - viele Angebote bis nach Kirn habe es gegeben, wo die Familie wohnen könne, ergänzte Egon Eckhardt. In unmittelbarer Nachbarschaft, ein Haus nebenan, kamen sie in „Schmitze-Haus“ unter und konnten sich häuslich einrichten. Es war das Elternhaus in der Merxheimer Hauptstraße des Bärenbacher Bürgermeisters Jürgen Schmidt, das eine Darmstädter Familie kaufte und zur Verfügung stellte – ebenfalls eine Fügung und ein extremer Glücksfall, betont Iris Kistner. „Man funktioniert nur, der Alltag ist noch nicht eingekehrt. Aber man muss die Brandruine sehen, um alles verarbeiten zu können. Die Holztreppe vom Keller bis auf den Speicher ist nicht mehr da – ein schwarzes Loch“, sinniert die Seniorin – das Löschwasser hinterließ mit langen Eiszapfen eine gruselig-gespenstige Szenerie, nach und nach stürzten die Lehmdecken ein.

Ihr 19-jähriges Enkelkind Lukas Vogt ist Merxheimer Feuerwehrmann und wurde in der Brandnacht mehrfach von Wehrleuten gefragt, ob er die Bewohner kenne. „Ja, die Leute kenne ich gut“, sagte er mit Tränen in den Augen.

Noch ist alles offen, aber die Familie will zurück in den Winkel, entkernen und neu aufbauen – „wo sollen wir sonst hin?“, fragt Gisela Kistner. Am 1. März gegen 22 Uhr heulten erneut die Sirenen im 1.500 Seelen-Ort und sorgten für Aufregung und Gänsehaut pur– ausgelagertes Heu aus Kistners Scheune auf einer Brachfläche auf der Gemarkung außerhalb vom Ort entzündete sich. Bernd Hey.

>>IM DETAIL- Info: Die Welle der Hilfsbereitschaft ebbt nicht ab: Die örtliche Feuerwehr spendete ihre Kaffeekasse. Der Fastnachtsclub Merxheimer Wind sowie die Merxheimer Kita haben Hilfe angeboten; - bei ihrem Reisebericht über Senegal am Dienstagabend bei den Merxheimer Landfrauen in der Mehrzweckhalle riefen Ilka und Bernd Gutheil zu einem Obolus für die Familie auf. Am 25. März ab 18 Uhr laden der Chor „Zeitlos“ im Kinder- und Jugendchor Merxheim zu einem Benefizkonzert in die evangelische Kirche in Merxheim ein – weitere Mitwirkende sind der Frauenchor Sulzbach, die Gesamtleitung liegt in den Händen von Dirigentin Ramona Wöllstein. Die VG-Verwaltung um Bürgermeister Rolf Kehl hat im Amtsblatt nach dem verheerenden Brand allen Helfern gedankt und als Kontoinhaber unter dem Verwendungszweck „3794 Kistner“ das Spendenkonto veröffentlicht: Volksbank Rhein-Nahe-Hunsrück IBAN: De 13 56090000000 2249969 oder Sparkasse Rhein-Nahe, IBAN: DE 62 56050180 0001000140.

Zu den Fotos: Das Kistner Anwesen / Vorder und Rückseite. Gerade hat OB Egon Eckhardt und das Gemeindeparlament 80 neue Bauplatze ausgewiesen.