Meddersheimer POLDERGEISTER sehr rege: Birgit Menschel an Spitze

Kategorie: Bad Sobernheim, Meddersheim, Merxheim, Monzingen, Kreis KH, Lokale News an Nahe und Glan

 

Fotos UNTEN- Meddersheim. In alten Kladden wird die Nahe oft als „Die Wilde“ tituliert, die beiden Hochwasser 1993 und 1995 sind in unangenehmer Erinnerung. Naheabwärts versanken Bad Sobernheim und Bad Kreuznach in den Fluten. Gegen den Bau eines Polders westlich von Meddersheim regte sich an der mittleren Nahe Widerstand und gründete sich eine ganz starke Bürgerinitiative („BI“) „POLDERGEIST“.

Noch einmal ließ Meddersheims Alt-Ob und Vorsitzender Tilo Krauß den Werdegang der BI „POLDERGEIST“ für sinnvollen Hochwasserschutz e.V. seit Gründung am 25. September 1996 anhand von viel Schriftverkehr, Info-Broschüren und Zeitungsartikeln Revue passieren. Momentan sinkt im „hochwasserlosen“ Zeitraum das Interesse und nach über 16 Jahren schwang viel Wehmut und eine gewisse Sentimentalität mit, als Krauß an erzwungene Rederechte oder eine Demonstration in Kirchheimbolanden erinnerte und den Dörfern Merxheim, Monzingen und Meddersheim, aber auch der Stadt Bad Sobernheim für Unterstützung dankte. Man dürfe stolz darauf sein, dass der Polder bei Meddersheim aufgrund ganz starker „Poldergeister“ aus der ersten Landes-Priorität herausgenommen wurde.

Am 6. November 2012 habe er am 5. Workshop „Hochwasserpartnerschaft Untere Nahe“ mit dem Thema: „Baulicher Hochwasserschutz in den betroffenen Orten“ teil genommen. Initiator sei sinnigerweise der Gemeinde- und Städtebund des Landes und nicht etwa das dafür zuständige Ministerium gewesen. Sein Mandat zur Teilnahme habe Tilo Krauß vom Merxheimer OB Egon Eckhardt erhalten. Der Referent für Hochwasserschutz im Ministerium für Umwelt, Ralf Schernikau, habe informiert, dass das angenommene 100-jährige Hochwasser bereits drei Mal überschritten wurde. Nach wie vor werde ohne Rücksicht auf das eigene Risiko in Überschwemmungsgebiete gebaut. Es gebe keinen vollständigen Hochwasserschutz war Kernaussage. „Stumbs Rech“ in der Felkestadt zwischen Nahe- und Louvres- Straße ließ grüßen, buchstäblich in letzter Sekunde sei das Baugebiet in den Gärten südlich der Bahn abgesagt worden, erinnerte Krauß.

Der Bau von Regenrückhaltebecken könne Hochwasser nicht verhindern, vielmehr seien Flächen in Feld, Wald und Flur geeignet, das Wasser zurück zu halten. Der bauliche Hochwasserschutz am Beispiel Bad Kreuznach sei „in hohem Maße eine Erfolgsgeschichte“ und habe sich ins Landschaftsbild integriert. Dennoch beklagte Tilo Krauß, dass man „allgemein einen Aktionismus an den Tag legt, der letztlich nichts Substanzielles bringt“: Zwischen 1995 und 2011 seien im Rahmen der „Aktion Blau plus“ für 200 Millionen Euro auf 720 Kilometer Gewässerlange 920 Renaturierungspläne erstellt worden- 780 Bachpatenschaften gebe es: „Betrachtet man die vor zwei Jahren mit Baggereinsatz und viel Geld an der Nahe angelegten Mäander heute, ist deren Sinn mehr als fraglich und beim nächsten Hochwasser Makulatur“.

Meddersheim selbst habe gottlob kein Hochwasserproblem – solange man auf der Gemarkung keinen Polder baut: „Im Vergleich zu dieser Verschandelung der einzigen noch unbebauten Naheaue könnte man Windräder fast schon als Naturverschönerung bezeichnen“, rief Krauß erregt aus.

Die von der Kreisverwaltung KH verfügte „wasserwirtschaftliche Vorrangfläche“ mit totalem Veränderungsverbot zum Polderbau müsse mit dem massiven Widerstand der „BI Poldergeist“ rechnen, damit man diese natürliche Retentionsfläche als solche erhält. Nicht zuletzt sei die Kreisstadt durch bauliche Maßnahmen mit 900 Kubikmeter Abfluss pro Sekunde entschärft und „wasserdicht“ gemacht worden, und wären die Hochwasser 1993 und `95  beherrschbar und schadlos geblieben.

Aber: Jederzeit kann ein Hochwasser auftreten, für das auch diese Schutzmaßnahmen nicht ausreichen würden, und dann entflamme erneut über Nacht die Polderdiskussion: „Warum trifft man in Bad Sobernheim keine Maßnahme gegen Hochwasser? Warum wartet man dort quasi auf ein Hochwasser, um danach einen Polder in Meddersheim zu fordern?, ging der Vorsitzende ganz scharf mit dem St. Floriansprinzip ins Gericht und prangerte an, dass man in der Felkestadt in Hochwasser gefährdetes Gebiet baue und auf Meddersheimer Gemarkung nach einem Polder ruft: „Die Folgen für Bad Sobernheim wären dadurch keineswegs geringer- bis der Polder vollläuft wäre Sobernheim längst abgesoffen“ führte Krauß aus, Hochwasserschutz sei Aufgabe von Staat und Kommune, aber in erster Linie der Betroffenen selbst.

Fazit: Nach wie vor profitiere die BI Poldergeist von der Tatsache, dass „der ökologische Eingriff in die Natur als erheblich angesehen und das Konfliktpotential vor Ort als hoch bewertet werden muss“. Anfänglich habe die BI 222 Mitglieder im weiten Umkreis bis Mainz und Meisenheim gezählt, nun seien es 177, informierte Kassenwart Ernst Oldhaber, diese Zahl könnte bei einem Hochwasser über Nacht „hochschnellen“. Daher habe er wenig Verständnis für Kündigungen, weil man für eine Idee und eine intakte Natur eintrete und stark sein müsse. Bernd Hey.

Der neue Vorstand: Versammlungsleiter waren Tilo Krauß und Horst Ponert. Zur neuen ersten Vorsitzenden wurde einstimmig Birgit Menschel gewählt, Stellvertreter ist Merxheims „Ob“ Egon Eckhardt. Kassenwart bleibt Ernst Oldhaber, Schriftführer Paul Bens. Beisitzer sind Meddersheims „Ob“ Renate Weingarth-Schenk, Peter Koch, Uwe Stengel und Tilo Krauß, zu Revisoren wurden Markus Hexamer und Andreas Hahn nominiert.

Zum Foto: Stabübergabe in der Meddersheimer BI „Poldergeist“. Nach fast 17 Jahren übernimmt Birgit Menschel (mitte, vorn) von Meddersheims Alt-Ob, und dem Vorsitzendem seit der ersten Stunde, Tilo Krauß (dahinter). Erklärtes Ziel: Sinnvoller Hochwasserschutz ohne Polder.


Vorstand der Poldergeister

Hochwasser am Sportplatz

Martinsteiner Brücke

Videotext Hochwasser 2011