30 Jahre trocken - Teil II- Geschafft dank AA - In Memoriam an Hans & Klaus

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Im Hamsterrad: Hart angeknockt und angezählt. Ein verzweifelter Kampf. Aber: Dank AA geschafft!  In Memoriam: Dankbare Erinnerungen an Klaus und Hans. TEIL II- Auf der Suche nach Hilfe gegen meine Alkoholsucht wurde ich zum Psychosozialen Dienst der Caritas nach Bad Kreuznach gebracht. Dort musste ich meine Personalien angeben und unterschreiben. Das war im Unterbewusstsein, als ob ich mein Scheckheft und meine Kleider samt Identität an der Garderobe abgelegt hätte – Mit Sicherheit half und hilft die Caritas vielen, aber ihr Schlüssel passte überhaupt nicht in mein Schloss. Vom ersten Tag an nicht, sorry- es war nicht meins!

Seit meinem 16. Lebensjahr trank ich zuviel. Ich kann mich nicht mehr an meine Hochzeit 1980 erinnern, aber ich habe zwischen 11 und 13 Uhr in meiner Stammkneipe 12 doppelte Cola-Cognac getrunken und die Trauung um 13.30 Uhr in der kleinen Kirche in Heimweiler war nur noch peinlich. Die Hochzeitsgäste mussten warten… In den folgenden zwei Jahren ging es steil bergab, ob Körperpflege, Charakter, Zeitgefühl…. Alle Versuche, das erste Glas stehen zu lassen, scheiterten kläglich. Überall hatte ich Alkohol gebunkert, im Sessel, im Auto, auf dem Klo, in der Scheune, im Keller- überall. Feste Nahrung blieb keine bei mir. Ohne Intus war es mir nicht möglich, einen Löffel zu Munde zu führen, eine Suppe zu essen.

Niemals hätte ich schon wegen Feigheit geklaut, kannte Werte, Mein und Dein. Aber einmal waren meine Verstecke leer- bei einem Konsum von sechs Flaschen Cognac täglich wurde die Versorgung und die Leergutentsorgung zum Problem. „Morgens um halb fünf in Deutschland“,  in der Naheweinstraße 41, stand die Kellertür meines Vermieters sperrangelweit offen und Schnaps und Alkohol in Hülle und Fülle abholbereit da….. Ich hätte die Flasche Cantre wieder hingestellt, garantiert. Aber schon vor 7 Uhr war der Zinnober und das Geschrei groß, wusste meine Frau durch den Vermieter von meinem Diebstahl. Es sollte immer schlimmer und peinlicher werden- im März 1981 kam ich zum ersten Mal ins Krankenhaus…

Rückfälle kamen, Familie, Betrieb und Gesundheit hingen am seidenen Faden. Meine Frau ergriff dann die Initiative: Ich kam zu Hans aus Auen und zu AA >>Siehe entsprechende Passagen unten - im Anhang- Zeitungsausschnitt: Zahlreiche Anlaufstellen 1989)

Meine erste Begegnung mit Hans: Hans war graumeliert, Anfang 60, er fragte mich nichts. Hans erzählte nur. Einfühlsam aber nie eindringlich und schon gar nicht langweilig. Von Ratschlägen keine Spur, denn auch Ratschläge sind Schläge. Hans ging auf die Jagd, er erzählte von Schwarzen Löchern im All, von Gott und der Welt, von Essen und Trinken, verschmitzt, heiter und mit einem Schuss Ironie. Hans lebte im heute und er erzählte von sich. Aus seinem Leben, von seiner Krankheit und von seinem alltäglichen Kampf. Das volle Programm. Auch ohne Alkohol. Und er erzählte mir, wie und wo er den Alkohol versteckte. Er erzählte von seiner Sucht, seinem Delirium, von seinem unbändigen Stolz und seinem tiefem Fall. Aber: Woher wusste er nur alles von mir? Woher kannte er mein Leben in und auswendig, in allen Einzelheiten, meine Ängste, meine Sorgen, meine Denke, meine Marotten, meine intimsten Geheimnisse, mein Werdegang in allen Facetten?  Erst viel später sollte ich begreifen, dass er mir quasi einen Spiegel vorhielt. Meinen Spiegel- seinen Spiegel, den Spiegel eines Alkoholikers! Die Wellenlänge stimmte von Anfang an, die Achtung und die Akzeptanz ohne Wenn und Aber vor dem Gegenüber. Dann nahm er mich mit in die Gruppe – Klaus aus Rodgau-Jügesheim machte mit mir „den ersten Schritt“….Ich konnte ihn rund um die Uhr anrufen. Wenn ich schwach wurde, Angst oder Druck hatte, sich die Sucht meldete und mich wie ein Beben durchschüttelte. Ich lag drei Tage Bett, lag im Delirium, sah Schafe mit Wolfsköpfen und bekam Distraneurin® gegen Angstzustände, gegen Sucht und gegen die Alkoholabhängigkeit. Klaus war da, mein Schutzpatron, und ich war stolz auf ihn; - ihm und Hans begegnet zu sein. Es war ein Level, ein Verstehen ohne Worte, ohne Angst, geprägt von Achtung und Fürsorge für den Nächsten. Zug um Zug kamen die „mysteriösen“ 12 Schritte hinzu und die 12 Traditionen von AA hinzu. Und Weisheiten: „Alles was Du willst, passiert“ - oder „Du allein schaffst es- aber Du schaffst es nicht allein“ - oder „Es ist keine Schande, krank zu sein. Aber es ist eine Schande, nicht dagegen zu tun“.

Die AA-Gruppe –wir-- waren damals Anfang der 1980-er Jahre personell eine ganz starke Gruppe von zwei Dutzend Gleichgesinnter und trafen uns donnerstags in kirchlichen Räumen in der Bad Kreuznacher Kurhausstraße 8, später im Caravelle-Hotel und dann im Mittleren Flurweg 43b in den Räumen der ökumenischen Sozialstation. Oft kamen Reisende, Urlauber, Kurgäste.

Die AA orientiert sich an 12 Schritten und 12 Traditionen, wobei die Anonymität die spirituelle Grundlage aller Traditionen ist und Prinzipien über Personen stellt.

Nach einem Jahr „Trocken“ in der Gruppe bekam ich am 19.4.1984 ein goldenes Kettchen mit diesem Datum und der Inschrift „Gott gebe mir die Gelassenheit“im Anhänger.  Klaus war verheiratet und kinderlos, er sollte der Patenonkel meines zweiten Sohnes Jan werden, der am Meddersheimer Weinfest 1984 auf die Welt kam. Klaus war Allrounder, er fuhr im Pendelverkehr von der Reinigung saubere Sixt-Mietwagen auf den Frankfurter Flughafen und benutzte zurück. Klaus war gebürtiger Langenlonsheimer, gelernter Kellner und Weinverkäufer. Er konnte überzeugen und wenn er gefragt wurde, warum er bei Weinproben keinen Wein mittrinkt, sagte er, dass er den Wein kenne und der Wein doch dem Kunden und Käufer schmecken und munden müsse und nicht ihm. Der Köder müsse dem Fisch schmecken, nicht dem Angler. Diese Ehrlichkeit und Logik kam an. Klaus war eine ehrliche Haut- ein cooler Typ- mein Freund.

Euphorisch wollte ich den Hunsrück und die Nahe-Glan-Region „trocken“ legen, machte Vorträge in Schulen und bei den Landfrauen in Raumbach, Weitersborn, Heimweiler und Limbach.

In Memoriam: Klaus starb 59-jährig am 16.April 1999, wenige Tage bevor sein Patenkind Jan konfirmiert wurde. Bis zuletzt hatte er gehofft aus den USA, wo er kurz zuvor eine Rundreise machte, eine Leber zu bekommen und wartete sehnsüchtig auf einen Anruf, auf eine Transplantation. Ich konnte ihm nur beistehen, trösten, in dieser Situation nie so aufrichtig und ehrlich sein wie er es immer war, weil er das Ende nicht hören wollte. Seine Hoffnung starb zuletzt. Sein Wesen, sein Naturell und seine Charakterstärke haben Platz in mir und seinem Patenkind gefunden. Dem irdischen Leben sind Zeiten und Fristen gesetzt. Alkohol ist ein starkes Zell- und Nervengift, und Missbrauch bleibt eben nicht in den Kleidern hängen…..


Allzuviel ist Ungesund: Alkohol ist ein Nervengift

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St. Mareienwörth in KH

...und seine Kapelle.