Weltweit einzigartige Botanik an der Nahe - Exkursion - 180 Bodenarten

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Fotos UNTEN: Meddersheim. Die mittlere Nahe mit seinen 180 verschiedenen Bodenformationen sucht europaweit seinesgleichen – entsprechend artenreich ist die Botanik, Zu einer spannenden Exkursion lud die FWG ein. Deren Wanderungen sind sehr beliebt - im Vorfeld hatten sich 45 Teilnehmer angemeldet.

Bei diesem höchst unterhaltsamen Ausflug in die Botanik durch die Sobernheimer Talweitung –zum Gefach und weiter über Naheauen vergingen über drei Stunden wie im Fluge. Wasser und drei Weine zum Anstoßen im Grünen dienten dazu, „das Trockene ´runterzuspülen“, sagte Ortsbeigeordneter Michael Engisch. Unterwegs wurden auch männliche Hopfendolden gefunden, vielleicht ein Hinweis mit dem Zaunpfahl dafür, dass der Wein östlich von Martinstein Kirner Bier heißt!

Seit Jahrhunderten ist das Nahetal Ziel bedeutender in- und ausländischer Botaniker und Naturliebhaber. Hier wachsen erstaunlicherweise in großer Zahl wärmeliebende Pflanzenarten, die ihre Hauptverbreitung teils in Südeuropa, teils in Steppengebieten von Osteuropa bis Asien haben. Charakteristische Arten sind zum Beispiel Berg-Steinkraut, die Pfingst-Nelke, die Gold Aster, Ginko oder bei Hevert in Nußbaum angebaute echte Goldrute („Solidago virgaureo“), der Spitzwegerich, dessen Blätter lindernd gegen Insektenstiche wirken, oder der Beifuß als fettspaltende, verdauungs- fördernde Beigabe für fetten Gänsebraten. Der Meddersheimer FWG-Vorsitzende Bernd Schumacher muss es wissen, er ist studierter Diplom-Geograph und Lehrer für Biologie und Erdkunde am Gymnasium der Alfred-Delp-Schulen in Hargesheim. Amüsant erklärte er das problematische Löwenmäulchen, und auch Johanniskraut kann aufgrund einer Photosensibilität der Haut eine Wiesendermatologie bis hin zu einem epileptischen Anfall führen. Vorsicht auch vor der gefährlichen Giftpflanze des Jahres 2010, der Herbstzeitlose, mit ihrem Giftstoff Alkaloid Colchicin. Trotzdem ist sie in der genetischen Forschung wichtig, um etwa in der Diagnostik bei DNA-Analysen den Zellzyklus zu unterbrechen. Ebenfalls giftig: Der Doldenblütler Schierling - bei der spannenden Story über Sokrates, der sich mit solch einen Gebräu („Schierlingsbecher“) selbst tötete, war es mucksmäuschenstill. Atemberaubend schön dagegen die rosane Malve oder der strahlend blaue Wiesenstorchschnabel, den es in der Eifel nicht mehr gibt.

Mit dem Mohrenkopf hat die wilde Möhre nichts gemein, auch wenn ihre Blüte einem schwarzen Mohr ähnelt; - da waren der „völlig albernen und absurden “ Diskussion über das Namensverbot „Neger“ Tür und Tor geöffnet. Zu den heiteren Episoden zählte der Inhaltsstoff, aus dem die Träume sind: Aus der Wegwarte wurde in armer Zeit Zichorie-Kaffee oder Muckefuck aufgebrüht, und mit Vorliebe konnten die Franzosen von dem als „Grüne Fee“ bekannten Absinth mit Wermut, Anis und Fenchel nicht genug bekommen.

Im Prinzip sind all diese Pflanzen in einer nacheiszeitlichen Wärmeperiode nach Europa eingewandert. Sie überlebten nur an exponierten Stellen und besonderen  geographischen Lagen entlang der Nahe, wo die Sonnenstrahlen auf die nach Süden engen und felsigen Steilhänge (etwa im Kellenbachtal) im steilen Winkel auftreffen.

„Die Landschaft ist überwiegend durch Reliefumkehr entstanden“, erläuterte der Experte, der jede Nachfrage sogar mit lateinischem Namen beantwortete. Die weicheren permischen Gesteine des Rotliegenden sind stärker erodiert als die Vulkanschlote, die als Intrusionen im Rotliegenden steckengeblieben sind. Rotenfels, Heimberg, Beilstein oder der Flachsberg zählen dazu, das Erdzeitalter ist besonders in Bad Kreuznach im Dienstleistungszentrum ländlicher Raum (DLR) oder auf einer Zeitreise durch Geotope von Jahrmillionen auf Schloss Wartenstein dargestellt, wo das Rheinische Schiefergebirge beginnt. Rhyolite, Latite und Andesite sind hiesige Böden, auf denen typische Naheweine wachsen.

Nilgänsen wurden mitten in der Nahe „Am Gefach“ aufgeschreckt; - solch Clique auf Tuchfühlung war ihnen nicht geheuer. An diesem paradiesischen Fleckchen Erde „haben wir alle Schwimmen gelernt“, erzählte Werner Willerich. Bernd Schumacher zeigte typische Nahe-Neophyten, die als invasive Arten nach 1500 eingeschleppt wurden und teils die heimische Flora und Vegetation verdrängten: Der giftige Riesenbärenklau aus dem Kaukasus zählt dazu, das indische (drüsige) Springkraut, das Orientalische Zackenschötchen oder der japanische Knöterich, der neben der Nahe auch prächtig am Meddersheimer Judenfriedhof in der Taubenhöhle gedeiht.

Die sandigen Flusssedimente im Nahe-Bereich nennt man in der Weinbaugemeinde seit alters her auch Scheich, wusste Heidi Weck: Mit Kuh- oder Ochsengespann wurden sie ins Dorf geholt, mit dem schwereren (Lehm-) Boden im Garten vermischt oder zum Rebensetzen verwendet, um die Nährstoff-Wurzelzufuhr zu verbessern.

Und was bitteschön sind „PAULa“ und „EULLE“? – auch darüber informierte der Lehrer auf Nahewiesen: Naturschutz sei eine Gemeinschaftsaufgabe und zum Erhalt der regionaltypischen Biodiversität und des ländlichen Erbes können Landwirte EU-Zuschüsse erhalten. Gerade in den fruchtbaren Tal- und Naheauen werde seit über 2000 Jahren blühende Landwirtschaft nachgewiesen.

Eine nicht alltägliche Besonderheit für Weingenießer war ein 2014-er Riesling trocken von Harald Hexamer, der sich die exponierte Lage der Gewanne „Eisendell auf der Südseite“ direkt am Igelsberg am Kurhaus Menschel hat eintragen lassen, wo besonders fruchtige Trauben geerntet werden. Zum Auftakt am Gemeindesaal gab es einen prickelnd-belebenden Luftikus-Cuve Qualitäts-Perlwein, und am Meddersheimer Sportplatz einen Sauvignon Blanc, Natur trocken.

Gerne hätte Beigeordneter Michael Engisch (FWG) Eberhard Weingarth, dem Ehemann von Ortsbürgermeisterin Renate Weingarth-Schenk (CDU) nachgeschenkt, doch der verneinte höflich: „Ich hatte gedacht die FWG sei etwas Politisches“, sagte er sinngemäß – jetzt wisse er mehr: „Fröhliche-Wein-Genießer“ unterwegs.