Rainer Furch sieht im Kabarettmonolog "Hand aufs Herz" Schatten an der Wand: "Der Doktor Schmidt sagt, ich sei gesund. Aber ich trau ihm nicht!"

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Kirn. Das Studio unterm Dach im Kirner Gesellschaftshaus war proppenvoll besetzt. Mit Rainer Furch kündigte VHS-Leiterin Lena Wagner einen „echten Kirner Bub“ an, der mit seinem selbst verfassten Kabarettmonolog „Hand aufs Herz“ in Kirn gastierte. Am Pfalztheater in der Barbarossastadt ist Furch kein Unbeklannter! Gerne schleppten Lena Wagner und ihr Vorgänger Fritz Bischof, für den einstigen direkten Nachbarsjungen und Lausbub jede Menge Stühle herbei und gingen nach dem Auftritt natürlich zu einem zischenden Frischgezapften Kirner noch in die „Alte Kellerei“.

Rainer Furch, vielseitig extrovertierter Schauspieler, Rezitator, Charakterdarsteller bleibt sich bei „Hand aufs Herz“ seinem intellekten Genre treu und zieht dabei rhetorisch brillant im Monolog mit sich selbst, in sich selbst hineinhörend alle Register seines Könnens. Bei seinen verqueren Gedankengängen, die quasi aus ihm heraussprudeln, fühlt sich der Zuhörer ertappt. Aufgrund des vollbesetzten Raumes öffneten die Veranstalter die Dachluken: „Es zieht! Hier. Von der Schläfe ins Genick zu den drei empfindlichen Nervenbahnen, Trigeminus und noch zwei, bis in den Rücken. Rücken ist Pyscho…“, sagt jedenfalls Doktor Schmidt. Vor zwei Wochen zuckte das rechte Auge. Da hat er Magnesium genommen und es ging weg. Furch lässt keine Gelegenheit aus, wie ein Hypochonder verzweifelt nach Krankheiten zu suchen – und wer sucht findet immer etwas. Meist rhetorisch sprudelnd wie ein Wasserfall, dann manisch depressiv wirkend, mit beißendem Spott, nachdenklich oder selbstironisch wirkt er, wenn er frivol Symptome und Ängste oder Phobien aufzählt und gleichzeitig allem etwas Positives abgewinnt. Motto: „Trink doch ´nen Grappa“ hilft bei allen Lebenslagen“. Und wenn die Welt untergeht, fahren wir woanders in Urlaub.

Und so hadert er mit sich selbst, zweifelnd und krampfhaft suchend nach Alltagswehwehchen, mit Gott und der Welt und mit Gevatter Tod. Wer ist hier eigentlich gesund? Wer fühlt sich krank? Wer stirbt als nächster? Gut- er ist 48, und da muss man die Sinnfrage stellen- lieber ein gutes Leben als ein schneller Tod: „Der Doktor Schmidt meint, ich sei gesund, aber ich traue ihm nicht“, das Gehader zieht sich wie ein roter Faden durch Fitnesswahn und Ernährungstipps mit überspitzten Pointen, scharfzüngigen Sprüchen und Zwiegesprächen mit sich selbst: „Wohin Doktor Schmidt? –Zum Friedhof. Zum Friedhof?- ich bin doch noch nicht Tod. Ja, wir sind ja auch noch nicht da!“.

Fitness- und Ernährungswahn, selbst die Pommes-Tüte als „triefende, Tod bringende Tüte Trost“ bekommt ihr Fett ab. Alkohol? „Der Goethe hat am Tag drei Flaschen gezwitschert und anderer Probleme: „Ein gesunder Mensch ohne Geld ist halb krank!“

Deutschland bewegt sich jedenfalls, sogar die Rolli-Fahrer rüsten auf, formuliert er provokativ und beschwert sich, dass die ganzen „Work- und Burn-out`ler, Selbstoptimierer  und Lollipop-Biker“ Spaziergänger keinen Platz mehr lassen: „Die Rentner haben ihre Stöcke immer kampfbereit im Kofferraum - Friedhöfe sind die letzten Reservate und Bastionen für Text lernende Schauspieler und Spaziergänger“, beklagte er sich.


Sprang in Kirn in die Kiste: Rainer Furch

Ein echter Kirner Bub