Ostern 2016: Schau hin nach Golgatha - Jesu am Kreuz & die Schuld der Welt

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Kirn. Der Palmsonntag läutet die Karwoche und das Ende der Passionszeit ein. Christen gedenken des triumphalen Einzugs Jesu in Jerusalem - der Bibel zufolge schwenkten die Menschen damals ihm zu Ehren Palmzweige. Fünf Tage vor der Kreuzigung ist der Palmsonntag direkt mit dem Leiden und dem Todeskampf Christi verbunden. Insofern bat Kreischorleiterin und die gastgebende „Vivace“-Dirigentin Birgit Ensminger-Busse beim Passionskonzert „Schau hin nach Golgatha“ erst am Schluss um Applaus, („oder in der Karwoche gar nicht“).

Mitwirkende waren an seiner alten Wirkungsstätte Gast-Mediator Pastor Stefan End und Pianist Gerold Schulz, der MGV „Frohsinn“ unter Musikdirektor Peter Nerschbach und das Musik-Ensemble „Kyra4“. Jenes Lehrer-Quartett von der Musikschule Kirn mit Norma Lukoschek und Erika Litzenburger (Travers- und Blockflöten), Heidrun Eggert (Viola da Gamba) und Jörg Elberding (Laute, Theorbe und Barockgitarr) hat sich neben originärem Charme und Besinnlichkeit die Liebe zur „alten“ Musik von der Renaissance bis zur frühen Klassik und höchste Virtuosität ins Stammbuch geschrieben. Schon vor Jahren fand das Ensemble zusammen – Kyra ist der keltische Name für Kirn. „Kyra4“ eröffnete das Konzert, trat mehrmals auf, und überraschte mit einem facettenreichen Trio (Adagio, Menuetto, Presto) in F-Dur, Opus 11 No.4 von Joseph Haydn.

Sowohl die Chorgemeinschaft „Vivace“ („Im Kreuz ist Heil“, „Korn, das in der Erde wächst“, „Alta trinita beata“ und „Ave verum“) wie der MGV („Dona nobis pacem“, „Glaube, Liebe, Hoffnung“, „Wandrers Nachtgebet“ vom süßen Frieden und „Sehen wir uns einmal wieder“) zelebrierten geradezu andächtig, hoch motiviert und konzentriert wie aus einem Guss ihre dargebrachten Chorwerke.

Das Konzertmotto „Schau hin nach Golgatha“ von Friedrich Silcher, wo Jesus Christus mit der Schuld der Welt gekreuzigt wurde, war eindrucksvolle Klammer des 42. Psalms („Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser“) und einem brillanten Sopransolo von Birgit Ensminger-Busse, die zuvor schon das Kirchenlied „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ von Paul Gerhardt, das Johann Sebastian Bach in seinem Werkeverzeichnis 244 vertonte, leidenschaftlich und mit Gänsehautgefühl sang. Die Akustik stimmte, und die prachtvoll vergoldeten Barockaltäre und vollbesetzte Reihen in der katholischen Kirche verliehen dem zweistündigen Konzert neben Glanz und Fülle, innere Einkehr und ein Nachdenken. Aufgrund der gelb-roten Illumination warf der Hochaltar lange Schatten, als wenn er brennen würde oder symbolisch Feuerzungen loderten. Mit Sicherheit hört man übers Jahr fröhlichere Lieder.

Aber: Alles hat im Leben eben seine Zeit, und so hielt Pastor End in einer vierteiligen Meditation einen flammenden Appell, die kurze Zeit im Hamsterrad des Lebens in einer schnelllebigen Welt sinnvoll zu nutzen: „Tilge das tödliche `Ich habe keine Zeit`. Sie verrinnt wie Sand in den Händen. Nimm dir Zeit um ein guter Mensch für deine Mitmenschen zu sein“, sagte er. Gerade in der Karwoche gelte es, sein Leben vor Gott zu bedenken und in Ordnung bringen: „Wir leben nur ein Mal. Im Heute. Hier, im Moment und im Augenblick - und wissen nicht, ob es ein Morgen gibt.“ Zuvor nahm der Seelsorger aus Neunkirchen an der Nahe die Zuhörer mit auf eine Zugfahrt des Lebens, wenn Eltern loslassen und an einer Station aussteigen, andere Passagiere zusteigen und das große Mysterium bleibt, wann wir selbst unsere Liebsten verlassen und aussteigen (müssen). Im Vaterunser-Gebet, was Christen ein Leben lang begleitet, erinnerte End mit der Passage „Dein Reich komme“ an die Vergänglichkeit, prangerte Mord und Totschlag an, appellierte an die Nächstenliebe und erinnerte an Hunger, Not und Elend in der Welt und an Menschen auf der Flucht. Das grandiose und epochal gesungene „Vater Unser“ mit ästhetischer Aufteilung und kontinuierlicher Steigerung bis hin zum siebenstimmigen Echtklang feierte in der Chorgemeinschaft „Vivace“ und dem MGV „Frohsinn“ eine gelungene und beeindruckende Premiere. Peter Nerschbach hat das Werk vor über 40 Jahren komponiert. Dabei wurde am Palmsonntag der Blick und die Strahlkraft auf den Karfreitag und die Kreuze auf dem Berg Golgatha geschärft; - das Passionskonzert klang ganz lange und mit viel Beifall nach.