CONSTANTIA-Frauen rufen seit 2.500 Jahren auf: Arbeite & Strebe - Aber Lebe!

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Kirn-Sulzbach. Der Sulzbacher Treff um das Projektteam mit Berthold Görner, Ursula Scherer, Gisela Ebrecht, Brigitte Kettern, Gisela Feyand, Jürgen Schilling und Norbert Görner war beim geselligen Kaffeekränzchen im Bürgerhaus mit über 40 Anwesenden guter  Gastgeber, als die Gruppe „Constantia“ mit vier Frauen und einer Erzählerin eine Zeitreise in typischer Tracht und sehr authentisch in lebendiger Form die Hunsrücker Geschichte und ihr Leben anno dazumal skizzierten.

„Constantia“ bedeutet Zusammenstehen oder wie im Synonym „konstant“ auf etwas Bleibendes hinzuweisen. „Wir wollen uns an Frauen auf dem Hunsrück erinnern, die hier lange vor uns lebten, liebten, litten und uns Wertvolles hinterließen“, erläuterte Charlotte Berlandi, Heilpraktikerin und Gästeführerin aus Argenthal. Und so gab das Quartett einer Keltin, der Adelsdame Jutta von Sponheim, der Hexe Elisabeth Laux und einer Bäuerin Gesicht und Stimme, wie Frauen in unterschiedlichsten Lebenslagen ihren Stand meisterten oder ihr Martyrium ertrugen und den Stab an die nächste Generation weitergaben. Viel Ironie klang mit, wie Frauen zu allen Zeiten immer wieder aufs Neue für ihre Rechte kämpften.

Inge Rawe hieß die Erzählerin: „Gestern ist heute“, sagte die Psychotherapeutin aus Morbach-Merscheid. „Sehen sie ihre Heimat künftig mit anderen Augen“, war Programm; - die Kirner Kyrburg, die Altburg in Bundenbach, die Schmidtburg, alte Höfe in den Dörfern oder den Beller Richtplatz. Übrigens: Dhaun bedeutet Ansiedlung. Inge Rawe war quasi zeitreisende Bindeklammer der vier Frauen.

Die Keltin Eleonore Weiland aus Bundenbach begann die Expedition 500 Jahre vor Christi Geburt. Sie kennt die Epoche aus dem Effeff, ist Fremdenführerin auch im Keltendorf ihrer Heimatgemeinde. Das Naturvolk lebte voller Achtung von Ackerbau und Viehzucht, von und mit der Natur, und legte mit Handelsstraßen entlang der Flüsse den Grundstein für eine zivilisierte neue Kultur. Kelten besiedelten ein großes Gebiet von England bis Marseille, von Deutschland bis auf den Balkan. Lieblingsessen war Schweinefleisch, „Glücklich sein hat seinen Ursprung im keltischen Brauchtum“, erzählte sie als stolze, blonde starke Frau aus ihrem Leben: Schmuck ist persönliches Eigentum und Bernstein als Tränen der Götter wertvoller als Gold. Verehrt wurde die Wassergöttin Sirona und die Fruchtbarkeitsgöttin Epona.

Jutta von Sponheim wurde von Charlotte Berlandi verkörpert, und die hat im wahren Leben Kirn-Sulzbacher Wurzeln. Die Adelige, Jahrgang 1092, nahm ihre Berufung sehr ernst, berichtete von aufregenden Zeiten der Ritter und Troubadoure. Sie war Reklusin und Vorsteherin einer benediktinischen Frauenklause auf dem Disibodenberg, war eine kluge Frau und Lehrmeisterin der heiligen Hildegard. Klöster waren Stätten der Bildung. „Aber frei bin ich durch das Gelübde und die Fesseln der Keuschheit nicht“, beklagte sie, die dem Grafengeschlecht der Sponheimer entstammte und 44-jährig starb. Heute wird sie als Selige verehrt. Zum Vergleich: Damals lebten in Europa fünf Millionen Menschen, heute in Rheinland-Pfalz vier Millionen.

„Elisabeth Laux“ (Monika Korsch aus Womrath) ereilte das grausame Schicksal einer verurteilten Hexe. Man schreibt das Jahr 1629, mitten in den Wirren des 30-Jährigen Krieges. Überall lauert der Teufel, die Zeiten sind schlecht, plündernde Horden rauben alles Essbare, und Weiber sind von Natur aus boshaft. Sie ist eine von bis zu 60.000, die man erdrosselt, verbrennt, köpft oder erhängt. Glück hat sie, berichtet sie aus ihrem Verlies einen Tag bevor sie zum Beller Richtplatz geführt wird, weil sie vor dem Verbrennen noch geköpft wird….

In die Rolle der Hunsrückbäuerin schlüpft Birgit Augustin, eine Seniorin aus Riesweiler. Im späten 19.Jahrhundert entstehen auf dem Hunsrück 1871 erste Landwirtschafts- und Hauswirtschaftsschulen. Aber: Nicht die Liebe zählt, sondern die „Sache beisammenhalten“ hat oberste Priorität. Motto: Liebe vergeht-Land besteht! Internet, Pampers und „Bauer sucht Frau“ gab es nicht, leider, bedauerte die Bäuerin. Letzteren Part übernahm der Viehhändler. Eier und Speck besiegelten die Kuppelei, Brot, Butter und Schnaps bedeuteten „nein“. Die Bauersfrau hatte ein hartes Leben, beklagte, morgens die erste und abends die letzte auf den Beinen zu sein. Viele Mütter starben im Kindbett und dann heiratete der Mann meist deren Schwester.

Fazit der gewandeten Frauen: Arbeite + strebe, aber lebe! Nicht Kasteien wie „Jutta von Sponheim“, nicht warten bis man den Löffel abgibt wie „Elisabeth Laux“, und auch eine Unterjochung darf es nicht mehr geben: Wagt es, Gedanken und Gefühle auszusprechen, lebt, liebt und lacht im heute! Gestern ist heute – und viel Wahrheit steckt drin, lautete die Botschaft. Bernd Hey.

Zum Foto: Die Frauen begeisterten ihr Publikum im Sulzbacher Treff: Bäuerin Birgit Augustin (von links), Monika Korsch gab die verurteilte Hexe, Charlotte Berlandi war Jutta von Sponheim, Eleonore Weiland aus Bundenbach „Die Keltin“ und Inge Rawe erläuterte die Epochen und die Stellung der Frau in 2.500 Jahren.