Fusion? Na und? Überall leben Menschen!-...sagt Alt-Ob Walter Schätzel

Kategorie: VG Sobernheim, VG Kirn-Land, Becherbach, Kirn, Kreis KH, Lokale News an Nahe und Glan, Politik

 

Becherbach. / Kirner-Land. Wenn jetzt die Fusionen LaLo/Stromberg, der VG´s Bad Sobernheim und Meisenheim oder Kirn mit weiteren 20 Orten zur neuen VG Kirner-Land fusionieren, wird die alte Binsenweisheit, dass nichts so beständig ist wie der Wandel, genährt. In unserer Serie 50 Jahre Kommunalreform in Kirn-Land seit 1969 befragten wir den (noch) 93-jährigen „Alt-Ob“ Walter Schätzel in Becherbach.  Akribisch hat er alte Zeitungsberichte und die beiden Neubaugebiete „Im Rödel“ und „Neue Straße“ und die überaus erfolgreiche Bilanz seiner Tätigkeit als Ortsbürgermeister in Wort und Bild parat, brisante Themen wie den Schulbusstreik 1976, aber: Er sei Zeitzeuge von damals, mehr nicht.

Einen Hype wie heute oder allzu fette Schlagzeilen der Gebietsreform damals, die gab es nicht, erinnert sich Walter Schätzel. Sie war notwendig, Tagesgeschäft, quasi ein Konglomerat „per ordre de Mufti“, ein Verwaltungsakt, der vollzogen wurde. Punkt. Gewiss habe es vereinzelt Stimmen, auch Ängste über das Ersparte gegeben. Amtsamtmann Adolf Schwenk hielt die Fäden fest zusammen, was das Amt Kirn-Land betrifft. „Mit seinem Nachfolger Günter Schwenk konnte ich besser“, denkt der Senior laut nach - und kann die Aufregung in jüngster Vergangenheit mit Kirn schwer nachvollziehen: „Überall wohnen Menschen“, dies sei zeitlebens seine Maxime, sein oberster Leitsatz gewesen – wichtig sei, was dabei unterm Strich steht und ob es ein Miteinander gibt, dass es einen Sinn mache. Als er damals, 1953 aus Heimberg („Heimerich“) nach Becherbach heiratete, habe er es ab 1960 im Gemeinderat relativ schwer gehabt, musste jahrzehntelang Überzeugungsarbeit leisten, mit gutem Beispiel vorangehen, dranbleiben, machen. Gerade bei den älteren Becherbachern schwingt viel Stolz mit, denn 1799 bis 1940 bildeten acht umliegende Gemeinden bis Sien-Hoppstädten das Amt Becherbach, und diese Landkarte, ihre eigene Gebietskörperschaft, zierte beim Kreisheimattag 1992 in Hennweiler ihren Umzugswagen.

Rückblick: Vor 92 Jahren, am 27. Dezember 1927 erhielt die Bürgermeisterei „Kirner Land“ die Bezeichnung „Amt Kirn-Land“. Durch die Auflösung des Amtes Becherbach am 1. August 1940 wuchs das Amt Kirn Land um die Orte Bärenbach, Becherbach, Heimberg, Krebsweiler, Limbach und Otzweiler, zudem wurden Hochstädten und Meckenbach durch die Auflösung der Bürgermeisterei Meddersheim dem Amt Kirn-Land zugeschlagen, das 1940 nun 5515 Einwohner zählte. Die Ära von Wilhelm Dröscher als Bürgermeister währte von 3. März 1949 und endete am 2. März 1967 - aufgrund seiner starken Inanspruchnahme als MdB und des Europäischen Parlaments wurde daher der Oberhauser Amtsamtmann Adolf Schwenk gewählt. Am 1. Oktober 1968 wurde aus dem Amt Kirn-Land im Zuge der Verwaltungsreform die Verbandsgemeinde (VG) – wir berichteten bereits ausführlich, wie die VG Kirn-Land durch Auflösung der VG´s Monzingen und Gemünden wuchs. Nach dem Zusammenschluss von Krebsweiler und Heimberg am 7. Juni 1969 wurde der Ort Heimweiler. Schloß Dhaun und Hochstädten wurden in Hochstetten-Dhaun eingemeindet. Fortan bis heute zählt Kirn-Land 20 Ortsgemeinden.

Bereits am 28. Januar 2009 berichtete Redakteur Rainer Gräff in der Kirner Zeitung in dicken Lettern: „Der Durchbruch in Sachen Fusion“ sei geschafft: Es ist Vollbracht! Und er kommentierte vor zehn Jahren den „Mauerfall im Kirner Land“, und wörtlich: Na also, es geht doch: Nach Jahrzehnten politischer Diskussion, die von Lippenbekenntnissen geprägt war und das Null-Ergebnis des sprichwörtlichen Hornberger Schießens brachte, wird nun der Durchbruch in Sachen Fusion vermeldet. „Jetzt geht’s los“ hätten die örtlichen Verwaltungsspitzen Heinz Herrmann (VG-Beigeordneter) und Stadtbürgermeister Fritz Wagner verkündet: „Es darf bei der Fusion keinen Verlierer geben“.

Zurück nach Becherbach in diesen Tagen. Grandseigneur Walter Schätzel hatte zahlreiche Ehrenämter inne, der FWG-Mann folgte Fritz Zerfaß als Becherbacher „Ob“ von 1974 bis 1999 nach - noch vor 20 Jahren wurden Kühe gemolken und 75 Stück Vieh versorgt, 120 Hektar Land bestellt. Walter Schätzel war Vollerwerbslandwirt, saß im VG-Rat, im Kreistag, er war Presbyter und im Vorstand der Fischbacher Nahe-Milch Genossenschaft und Initiator und Antriebsmotor des Wirtschaftlichen Vereins und Gründer des Becherbacher Dorfladen. Walter Schätzel ist Träger der Goldenen Verdienstplakette von Kirn-Land – ihm war es vergönnt, mit seiner Frau Hilde und den vier Kindern und ihren Familien 2013 Diamantene Hochzeit zu feiern.

Ab 1999 war Werner Barth zwei Legislaturperioden lang bis 2009 Ortsbürgermeister und bis 2011 Vorsitzender des Dorfladens, beide Ämter hat der heute 48-jährige Landwirtschaftsmeister Frank Schätzel übernommen. Bei der Ehrenamtsinitiative „Ich bin dabei“ erzählte er im „Sulzbacher Treff“ im vollbesetzten Bürgerhaus, wie der Klapperstorch zu ihm aufs Feld geflogen kam, und wie er seine Jugendliebe Silke 2016 heiratete und mittlerweile stolzer Vater zweier bildhübscher Mädels ist. Frank Schätzel bewirtschaftet mittlerweile mit drei Schleppern und 600 PS in der Region 300 Hektar – zum Vergleich: ganz Otzweiler ist 311 Hektar, Weitersborn 312 Hektar groß. Bei der Haushaltssitzung am Dienstag, 26. Februar, will er sich nach 20 Jahren im Gemeinderat, zehn Jahre davon als Ortsbürgermeister, erklären. „Wenn es nach mir ginge gäbe es eine `Großbachtal`- Gemeinde Otzweiler, Becherbach, Heimweiler. Und Limbach nehmen wir noch dazu!“, plauderte er humorvoll aus dem Nähkästchen, nachdem in Heimweiler fünf Orte die Fusion absegneten: „Politik wird immer hinterher, so kurz vor Mitternacht, beim fröhlichen Beisammensein gemacht“, schmunzelte Schätzel erneut, der vor Monatsfrist schon Simmertal und Hochstetten-Dhaun vermählte, was hohe Wellen schlug.

Zu den Fotos: Am 3. März wird der Senior 94 Jahre. Der Goldene Meisterbrief wurde Walter Schätzel (links) vor drei Jahren verliehen – auch Sohn Frank ist Landwirtschaftsmeister und noch amtierender Becherbacher Ortsbürgermeister. Und: Amt Becherbach.