Merxheim: FLTI- Dachdecker-Baustelle sorgt für Furore!

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KüssendLachendMerxheim. Vor gut vier Jahren haben der 62-jährige gelernte Schreiner Stefan Dietrich und Dorothea Bach das Anwesen in der Mühlenstraße 11 erworben. Anfang Juli feierte die Bildungsreferentin ihren 60. Geburtstag; - das Paar fühlt sich gut aufgenommen und in Merxheim zu Hause angekommen. Größtes Problem war der Holzwurm, der im Dachgebälk wohnte. Also mussten dicke, morsche Balken ausgetauscht und nach alter historischer Zimmermannsmanier neue eingesetzt und neu eingedeckt werden. Eigentlich nichts ungewöhnliches, Eigentum verpflichtet.

Viele wiesen auf diese nicht alltägliche Besonderheit auf der Baustelle hin, denn die relativ schwere Arbeit wurde von acht Frauen und zwei Männern erledigt, Meisterinnen, Gesellinnen, Quereinsteiger, Auszubildenden. Und außer Holz treibt die Baustelle das Thema „Geschlechter“ um: Im Szenejargon zählt sich die Arbeitsgemeinschaft intern und frank und frei als „FLTI“-Baustelle. Eine Abkürzung für Frauen, Lesben, Trans(gender) und Inter(sexuell).

Das mittlere Kind Jana der Merxheimer Bauherren ist Zimmermeister ohne Geschlecht und lebt in Freiburg. Es gibt bundesweit jährlich einmal ein Treffen für Transmenschen und Frauen, die auf dem Bau arbeiten. In diesem Jahr war das Meeting mit Workshop im Februar in Kassel in der Kommune Niederkaufungen – und da trafen sich über 100 Berufstätige eine Woche bei Seminaren, Workshops und zum fachlichen Austausch bei Vorträgen. „Über dieses Treffen und durch die Vernetzung entstehen Baukollektive, nicht selten Ausbildungsbeziehungen, und dadurch kennen wir uns und agieren bundesweit“, erklärten die Zimmerinnen Annette Höltig (45 Jahre) und Marieke Böhm (30), beide  aus dem Landkreis Rostock.

Jana (Jonathan aus Merxheim) machte dem knappen Dutzend selbstständig Tätigen und Freiberuflichen HandwerkerInnen aus ganz Deutschland, aus Köln und Wuppertal, die elterliche Baustelle „schmackhaft“. Merxheim ist Schwerpunktgemeinde der Dorferneuerung und natürlich partizipieren auch regionale Firmen, Dachdecker, Gerüstbauer, örtliche Baustofflieferanten, und mit den Anwohnern in der Mühlenstraße bestehe ein super Verhältnis, erzählte Stefan Dietrich. Es sei eine angenehme Baustelle, wo der Handschlag zählt, der Stundenlohn vorher ausgehandelt wurde. Einige Reisende fahren von Baustelle zu Baustelle, schlafen nach Art der Handwerksburschen auf der Walz im eigenen Auto, andere schlafen in der Mühlenstraße im Wohnhaus; - gemeinsam wird eingekauft und gegessen. In Merxheim ist es im Nachhinein durch morsche Sparren und Dachlatten zu einer  „unliebsamen Überraschung des Holzwurms in der Querscheune gekommen und die Baustelle mit über 360 Quadratmetern ständig größer geworden. Ein Drittel mehr Arbeit und Material!“, berichtete der Bauherr. Über 30 Prozent beträgt die Förderung. In vier Wochen wurde das Dach von Wohnhaus und Scheune neu gedämmt und eingedeckt – das Gebälk der Querscheune von Grund auf erneuert – und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

„Hier im Teamwork kann kreatives Handwerk stattfinden – da wird im Detail an den Balken gearbeitet, und das macht mir und allen Beteiligten riesigen Spaß“, sagt Stefan Dietrich emotional und tief bewegt. „Wir ergänzen uns, lernen voneinander, wir werden liebevoll verköstigt und pflegen einen respektvollen Umgang und faires Miteinander, abseits jeden klassischen Alltagssexismus, ohne Machogehabe oder Klischees, wie man sie allzu oft auf Baustellen findet“, sagen die Frauen ganz resolut. Bauen sei ihr Leben, aber sie wollen während der Arbeit leben und Freude bei der Arbeit haben, unterstreichen sie ihre Philosophie und weiter: „Kein Burn-out: Arbeiten um zu leben- aber nicht Leben um zu arbeiten“.


Wer will fleißige...

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"Jo" ist Chefin/Ansprechpartnerin