Mystischer Disibodenberg: Back to the Roots - Eine interessante Zeitreise über 900 Jahre zurück mit Kirchenhistoriker Alwin Bertram & Ulrike Lindemann

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UnschuldigUnschuldigÜberraschtOdernheim. Mit 20.000 Quadratmeter gilt das Kloster Disibodenberg als die größte Klosterruine Deutschlands – bei der jüngsten Führung mit Kirchen-Architekt Alwin Bertram und einem illustren Kreis wurden die Grundfeste vermessen, Material und Arbeitsweisen genau unter die Lupe genommen. Die Zeitreise ging ganz weit zurück, als der Erzbischof Ruthard vom damals mächtigen Mainz das augustinische Kurherrenstift im Jahre 1108 in ein Benediktinerkloster umwandelte und den Kapitelsaal erstmals nutzte. Vier Jahre späten zogen drei Frauen, eine namens Jutta, Jutta von Sponheim und Hildegard hier ein. Sie wohnten zeitlebens auf dem Berg in einer Baustelle – Letztere sei als Hildegard von Bingen bekannt geworden, weil sie dort starb, erläuterte die Historikerin und Autorin Ulrike Lindemann und viele Bilder, wie epochal zum Himmel gebaut wurde, habe sie in Zeichnungen adaptiert.

Die Lage für weitere bauliche Aktivitäten zwischen Nahe und Glan an der Römerstraße sei ideal gewesen - Klöster waren immer vor Tieren, Räubern und kriegerischen Handlungen mit hohen Mauern geschützt, Ulrike Lindemann fragte den „Architektus“ Bertram hypothetisch, wie er vor über 900 Jahren den Disibodenberg weiter gebaut, wie vorgegangen, oder entwickelt hätte.

„Was gibt mir Mainz mit?“, fragte er nach: „Viel Geld, Laienbrüder und Zeit“ lautete die Antwort. „Das hilft mir wenig“, entgegnete Bertram und auch die Philosophie  „Ora et Labora“ (bete und arbeite) sei wenig hilfreich. In jedem Fall sei die Rodung des Berges, das Ausgraben von Wurzeln und Mutterboden bis zur Steingründung ein „Knochenjob“ und harte Arbeit für Zugochsen gewesen. Zudem wurde das Wild aus der Region seziert, ob die Innereien gesund waren, um den Klerus samt Bagasch und Gesinde ernähren zu können.

Es herrschte um das Jahr 1100 die Drei-Felder-Wirtschaft, in ganz Europa lebten etwa 35 Millionen Menschen, viel weniger als ein Zehntel der heutigen Bevölkerung, im Großraum Köln etwa 20.000, wusste Alwin Bertram. Für den Bau des Kölner Doms sind 8.800 Kubikmeter Sandstein aus Staudernheim dokumentiert, was 2,3 Tonnen Gewicht je Kubikmeter entspricht. „Ganz schön heftig für die A 61“, bemerkte er schmunzelnd.

Streng getrennt waren zu jener Zeit die geweihten himmlisch-göttlichen Räume von den profanen weltlichen Aufenthaltsorten. Friedhofskapelle und Abteikirche waren weitere Stationen der Exkursion – hier war die Grundsteinlegung, Architektur und Ausrichtung der mächtigen Kirche St. Nikolaus mit teils drei Meter dicken Mauern und der spätere Verfall anhand von vielen Stichen und überlieferten Dokumenten beherrschendes Thema. Vergleiche mit anderen Bauwerken, etwa dem Fraumünsterkloster in Schaffhausen oder am Mittelrhein wurden herangezogen – Ulrike Lindemann hatte den St-Galler-Klosterplan parat. Sponheim war Gotisch, der Disibodenberg überwiegend Romanisch – und der Kirchenbaustiel der Romanik war ab Frankenkönig  Karl dem Großen um 800 überall gleich („State of the Art“) und bunt. „Die Fliesenleger in Sponheim und auf dem Disibodenberg waren dieselben“, beschrieb Bertram aufgrund identisch-gefundener Fragmente.

Die Zahl 3 war Maßstab für ganze Bauwerke: Zoll, Elle und Fuß waren im Dreierrhythmus händelbar – einer Koryphäe gleich plauderte der 66-jährige Selbstständige Kirchenhistoriker Alwin Bertram aus dem Nähkästchen, legte Zeichnungen aus seinem Berichtsheft 1969 vor, oder als er mit dem „Spatz“ auf dem Buckel, einer Tragemulde, als Lehrbub die Hahnenbacher Kapelle mit baute. Er blickte 1000 Jahre zurück, als es noch keine Schubkarren gab, als mit Ochsen-Zugkraft und Hebewerkzeugen wie Spreiz- oder Steinzange oder eingelassenem „Wolf“ (Eisen in Sandsteinblöcken)  mächtige Steinquader gehoben wurden. Mit einfachsten Methoden, einer Maurerschnur mit Knoten bei einem Meter und Vermessungsstäben stellte er die Formel des Pythagoras („3-4-5: A² +B² = C²“) in einer Lehrstunde anschaulich dar, wie ein exakter Rechter Winkel als Grundlage aller baulichen Aktivitäten entsteht, wie haargenau ein Senklot, ein Prisma-Spiegel, oder eine sechs Meter lange römische Wasserwaage mit Wasser funktionierte. Bertram hatte vom Turmsüdeingang der Hennweiler Kirche Kalkspatzenmörtel dabei - ein Kleber wie Pattex oder heute PM-Binder. Die im Mörtel enthaltenen Kalkspatzen führen nicht zu Treiberscheinungen. Vielmehr begünstigen sie in einer exothermen Reaktion die Selbstheilung von Rissen und Falkenabrissen bei dem fertigen Putz. Unter Kalkspatzen versteht man die für viele historische Mörtel charakteristischen Kalkknöllchen, wie sie auf dem Disibodenberg verwendet wurden. Darüber hinaus wurde ebenfalls die Arbeit von „Leyendeckern“ und verbautem Schiefer im Mauerwerk sichtbar: „Schiefer ist Öl-haltig und natürliche Wassersperre“, erläuterte Bertram plausibel. Drei Stunden eintauchen in die Vergangenheit verging wie im Fluge.

Zu den Fotos: Wie wurden das Gäste-Hospiz oder die 52 Meter lange und 30 Meter breite dreischiffige Pfeilerbasilika als Abteikirche gebaut, welche Topografie und Geländeprofile lagen vor, wann war Grundsteinlegung und wann wurde sie geweiht? Alle Fragen beantworteten Alwin Bertram und Ulrike Lindemann auf der Klosterruine Disibodenberg.


epochale Bauten...

...wurden vermessen

Am Hildegardweg

Damals vor unserer Zeit

Blick auf Odernheim