Buchempfehlung 1: GiK lädt zu Buch-Vortrag "Das Ende der Mittelschicht": Erschreckender Ist-Rapport -Internet als rechtsfreier Raum? Tod der Mittelschicht?

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CoolBrüllendVerlegenKirn. Beim Impulsvortrag mit Focus-Chefkorrespondent Daniel Goffart im Kirner Gesellschaftshaus gedachten die Besucher dem Gründervater der Gewerbeinitiative Kirner Land (GiK), Werner Müller. Die Vorsitzende Cornelia Dhonau Wehner begrüßte und dankte Sponsoren: Sparkasse Rhein-Nahe, Kreissparkasse Birkenfeld und Volksbank Rhein-Nahe-Hunsrück; - im Service gab die MSS 13 ein gutes Bild ab und besserte ihre Schatulle für den Abiball auf.

Verblüffend direkt und ungeschönt habe der Autor mit seinem Bestseller „Das Ende der Mittelschicht“ Ursachen und ihre Folgen in der Wirtschaft und Gesellschaft aufgezeigt und schonungslos auf den Punkt gebracht. Mit dem Untertitel „Abschied von einem deutschen Erfolgsmodel“ sei das Werk auch für den deutschen Wirtschaftsbuchpreis nominiert.

„Die Mittelschicht in Deutschland stellt die mit Abstand größte Bevölkerungsgruppe dar, etwa jeder zweite zählt dazu. Ihr wird eine besondere Bedeutung beigemessen – sie gilt als Gradmesser für den sozialen Frieden und als Stabilitätsanker zwischen Arm und Reich“, so leitete die Vorsitzende in das abendfüllende Thema ein. „Dass in unserer Gesellschaft eine Entwicklung in die falsche Richtung führt, bemerken wir selbst in unserem persönlichen Umfeld mit steigender Unzufriedenheit und Zukunftsängste als Basis für wachsende Aggressivität, Gewalt und Kriminalität. Experten warnen vor einer Verrohung der Gesellschaft, Hassparolen im Internet, Gewalt gegen Helfer und sinkender Hemmschwelle als Spiegelbild einer schrumpfenden Mittelschicht“, sagte sie, die Gesellschaftsstruktur werde gespalten und instabil. Mit den Folgen von Klimawandel, Digitalisierung und Globalisierung stehe Deutschland vor der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft müssten handeln, weshalb für die GiK solch ein Vortrag besonders wichtig sei, so die Vorsitzende.

Über 50 Minuten rezitierte Daniel Goffart und leitete mit der TV-Serie Lindenstraße und der Familie Beimer ein: Hier werde das Alltagsleben der Mittelschicht seit 34 Jahren authentisch widergespiegelt - im März 2020 sei Schluss, weil das Auseinandertriften der Gesellschaft und die heile Welt im Drehbuch nicht mehr vermittelbar sei. Goffart argumentierte mit Zahlen, Daten und Fakten, aktuellen Hiobsbotschaften und Schlagzeilen kontra Schönfärberei oder politischen Fensterreden, weil im total reglementierten und bürokratischen Staat „heute noch darüber debattiert werde, was seit zehn Jahren längst erledigt sein sollte“. Polemik war nicht sein Metier, er verwendete Metapher. Algorithmen, künstliche Intelligenz, die neueste Generation der Roboter und die Digitalisierung bei exponentieller Geschwindigkeit werden insbesondere die Mittelschicht als Lastesel quasi pulverisieren und unser Leben auf den Kopf stellen, sagte er sinngemäß.

Am Anfang lernte der Mensch Feuer machen, dann erfand er das Rad und dann das Schießpulver, aber: „Dazwischen lagen tausende Jahre. Unsere Welt formt sich heute täglich neu“. Aber: Wer zählt zur Mittelschicht? Laut OECD sind dies Singles mit einem Einkommen zwischen 1.500 und 2.400 Euro – 54 Prozent in Deutschland. Aber die Mittelschicht werde immer ärmer, jeder dritte habe weniger als 1.600 Euro. „Ich frage mich, wo soll das hinführen, wenn der VW-Chef 8,5 Millionen Jahressalär hat, der Konzern 27.000 Stellen streichen will und die Gehälter der Dax-Manager nicht um 100, sondern um 1000 Prozent gestiegen sind, ….. während gleichzeitig jeder fünfte, acht Millionen Menschen, in Teilzeit oder als Leiharbeiter arbeitet und ab 2020 jährlich 100 Milliarden Euro ins Rentensystem gepumpt werden müssen“. Bayer will 12.000 Beschäftigte, BASF 6.000, Siemens 30.000, Ford 5.000 und Thyssen-Krupp 4.000 entlassen – Vorboten der Digitalisierung. Frust, Wut und Vertrauensverlust greife massiv die Fundamente unserer Demokratie an. Die Bereitschaft der Jugendlichen, Kapital aufzunehmen und ins Risiko zu gehen, sinke drastisch.

Goffarts Steckenpferd war die weiter auseinanderklaffende Schere, die Risiken des Internets. Er listete die teils erschreckenden Geschäftsgebaren von Apple, Google, Ebay, Facebook, Amazon und Co auf. Kernaussagen: Die analoge Welt habe der neuen Digitalisierung absolut nichts entgegenzusetzen, eine schonungslose Analyse sei längst überfällig, obwohl im Bundesrat 365 Arbeitskreise tagen. Der börsendotierte Fahrdienstleister Uber sei 80 Milliarden Euro schwer, ohne ein einziges Fahrzeug zu besitzen - die 45 reichsten Bürger verfügen über so viel Geld wie 45 Millionen Deutsche.

An der folgenden Podiumsdiskussion nahmen der Geschäftsführer der IHK Bad Kreuznach, Jörg Lenger sowie Kfz-Meister Friedhelm Lenhart für die Kreishandwerkerschaft, Bürgermeister Martin Kilian, Hans Helmut Döbell, die GiK mit Cornelia Dhonau-Wehner und Vize Nico Barth sowie Pfarrer Volker Dressel teil. „Ihr Vortrag hat mich wahnsinnig verunsichert – sie haben mir den Abend vermiest“, bekannte Dressel und wünschte sich für „unser Privatleben mehr analoge Prozesse: Ja, das digitale Gewitter bricht über uns herein, es gibt aber auch Sonnenschein!“, resümierte Dressel unter Applaus am Ende des Tages. Die Diskussion wurde von dem 30-jährigen Heimweiler Bub Fabian Siegel, von 2008 bis 2013 rasender Reporter im Kirner-Land und heute Redakteur beim SWR-Fernsehen in Stuttgart, gekonnt und mit viel Verve moderiert. „Ist die gut vernetzte Kanzlerin schwammig?“, fragte Fabian Siegel provokant – „sie äußerte in diesen Tagen die Angstvision, Deutschland könnte als Industriemuseum den Anschluss verlieren. Das sagte sie schon 2007“, antwortete Daniel Goffart diplomatisch –im Ranking der digitalen Infrastruktur belege man Platz 32, wir seien Weltmeister im „verdrängen und verkomplizieren. Wir haben mehr Steuergesetze wie der Rest Europas und trotzdem ist Steuerhinterziehung Volkssport“.

Wie kommen wir raus aus dem Dilemma, wo stehen wir in zehn Jahren?, so lautete die abschließende Fragerunde. „Ich bestelle nicht bei Amazon, ich buche nicht bei HRS und bin nicht in Facebook und hatte auf der Bahnfahrt nach Kirn kein Netz“, begründete Goffart sein Verhalten. Cornelia Dhonau-Wehner plädierte unter Beifall für einen bewussteren Umgang mit sensiblen Daten: „Den jungen Menschen ist das nicht bewusst, welche sektenhaften Folgen dies in den Sozialen Medien hat. Die Abhängigkeit ist sehr gefährlich – hier muss man Schranken setzen. Wie können sie sich gesund entwickeln, wenn sie von ihrem Handy abhängig sind?“ In diesem Kontext kam das Internet als rechtsfreier Raum zur Sprache, und dass Facebook weltweit sich seine eigenen Gesetze machen will. Es laufe vieles schief, wenn Flug- und Schiffsverkehr unbehelligt im Klimaschutz bleiben und unsere Kuh Umweltsünder Numero 1 sei, wetterte die GiK-Chefin.

„Wir müssen die jungen Menschen mitnehmen, ihnen Kompetenz vermitteln und außerdem müsse die Region mehr zusammenstehen“, plädierte Lenhart, während sich Jörg Lenger für ein lebenslanges Lernen und gegen Monopole aussprach und Martin Kilian und Hans Helmut Döbell sich für eine „Stabsstelle Klimaschutz und Digitalisierung“ aussprachen.

Zum Foto: Moderator Fabian Siegel, Hans Helmut Döbell, Jörg Lenger von der IHK, Daniel Goffart, Pfarrer Volker Dressel, GiK-Chefin Cornelia Dhonau-Wehner, Martin Kilian, Friedhelm Lenhart für die Kreishandwerkerschaft und GiK-Vize Nico Barth besetzten das Podium bei der Diskussionsrunde im Kirner Gesellschaftshaus.


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Starkes Interesse an Hiobsbotschaften!

GiK Einladung 12/9.2019 in Kirn

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Wohlstand wird ungerecht verteilt