Musiker & Trucker Alex Ruß aus Daubach kämpft sich zurück ins Leben

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Fotos unten anklicken. Daubach. 66-jährig kämpft sich der Musiker Alexander Ruß zurück ins Leben: Nach einer Gehirnblutung, rechtsseitiger Lähmung mit Sprachstörungen (Aphasie) am 17. Oktober 2019 änderte sich sein Leben von der einen auf die andere Sekunde schlagartig. Wenige Wochen zuvor berichtete diese Zeitung am Gedenkstein des einfachen Pferdsfelder Pfarrersohnes Paul Schneider noch über ihn, weil es ohne Vogelgezwitscher gespenstisch still geworden sei, da, wo einst tausende Zivilisten und Soldaten arbeiteten, Düsenjets starteten und landeten.

Mit seiner Frau Gabriele ist das Paar als „Duo Bellevue“ bekannt. Ihre Kabarett-Shows aus handgemachter Musik, zweistimmigem Gesang, filmischen Sequenzen, Anekdoten und Entertainment erfreute bei den drei gefeierten Schlager-Revuen „Himbeereis und flotter Käfer“, „Shake Hands“ und „Retrofieber“ in der Region tausende Besucher. Beliebte Evergreens und Gassenhauer, Oldies und Schlager-Hits im Petticoat oder im Flower-Power Outfit aus der Nachkriegszeit und Wirtschaftswunderjahren begeisterten das Publikum in Kirn und Otzweiler, an Nahe und Glan, in Weiler oder Meddersheim.

„Als gestresster Selfmademan-Manager hielt ich glücklicherweise das Handy in Händen und konnte selbst den Notruf wählen“, sinnierte Alexander Ruß. Seine Willenskraft zurück ins Leben scheint nach der Reha mit jedem Tag aufs Neue ungebrochen. Aber: Durch die Krankheit wurden alle Termine gecancelt – brachen alle Einnahmen weg und tat sich ein finanzielles Loch auf.

„Ganz nah´ dran“ heißt sein Erstlingswerk, wo er als Autor in seiner Biografie auf 181 Seiten den rasanten und oft steinigen „Lebensweg eines Musikers“ in einer Unterzeile beschreibt und schonungslos alle Facetten und das schwere Los des Künstlerdaseins thematisiert. Er ist Jahrgang 1954, gebürtiges Kreuznacher Gässje. Trotz „Full House“, trotz fünf Fünfer im Zeugnis, war er zu Beginn der 1970-er Jahre am Mainzer Peter Cornelius Konservatorium eingeschrieben, studierte Schlagzeug, Oboe und Klavier, fuhr Lastwagen und Bus und unterrichtete Jahre später in seiner Musikschule in Daubach. Seit seinem 20. Lebensjahr ist er hauptberuflich Musiker, in seiner Jugend war er Schlagzeuger, später Bandleader, Gitarrist, Perkussionist und Sänger: „Jung und voller Tatendrang war die Zeit des Rock Antriebsfeder, bis sie im Alter von 30 Jahren den Glanz verlor, nach Duos und Bands kamen dann mit 40 leisere Töne mit Gabi hinzu“, erinnert er sich an bundesweit 2.500 Konzerte in seiner Vita.

Seit 1993 tritt das kinderlose und unzertrennliche Paar gemeinsam auf. 1997 erwarben sie in Daubach am Ortsrand ein Grundstück, bauten selbst ein Häuschen und wurden als „Duo Bellevue“ sesshaft und mit Hündin Lissy weitbekannt. Sechs CD´s mit eigenen Liedern wurden veröffentlicht, SWR 4 hielt dem Paar mit Rundfunkeinspielungen die Treue, und in Glanzzeiten waren elf TV-Auftritte an der Tagesordnung. „Wir waren nah‘ dran, standen auf kleinen und großen Theaterbühnen in Borkum und Norderney, von Kiel über Stuttgart bis Basel“, sinniert das Paar. Honorare und Gema-Tantiemen sorgten für ein auskömmliches Einkommen, was ins Eigenheim investiert wurde; - ein Glück, wie sich heute herausstellt, überhaupt: Als Songwriter, Promoter und Manager waren beide selbst ihres Glückes Schmied. Trommel, Shaker, Gitarren, Konzertina und Percussions genügten dem „Duo Bellevue“; - in unnachahmlicher Weise brachte das Paar Kulthits auf die Bühnenbretter: Etwa „Ich will keine Schokolade….“ oder die „Motorbiene“ von Benny Quick samt Fehlzündungen und Knattern bei dem Mopedchen, bis der Sprit ausging. „Alte Schinken von früher“ waren bei den letzten drei gefeierten Musik-Revuen unter dem Slogan „spritzig, witzig, amüsant“ ihr Metier, und auf diesen Erfolg geht der Autor dezidiert in seinem Buch ein: Von Peter Kraus und Bill Ramsey, Manuela oder Siw Malmkvist, Drafi Deutscher und über Tahiti Tamoure („Winnie-Winnie“), dem „Little Banjo-Boy“ bis zum „Itsy bitsy teenie weenie Strandbikini“: Alle Songs wurden geradezu authentisch-echt und mitreißend brillant zelebriert und waren ein Hörgenuss für alle Sinne und zum in Erinnerungen schwelgen. (Wir berichteten mehrfach).

Seine 60-jährige Frau Gabi hat schon vor Coronazeiten ihre inspirative schöpferische Muse für das Malen entdeckt, das Vorwort geschrieben, und das Cover des Taschenbuches gestaltet: „Ich war mein ganzes Leben immer ganz nah dran. Aber nicht so, dass es mächtig geknallt hätte: Weder in der Schule, bei den Plattenfirmen, noch am ganz großen Erfolg - und jetzt war ich ganz nah dran am Tod. Man weiß immer erst später, in welche Richtung es geht“, sagt er demütig und nachdenklich. „Ich möchte wieder selbst laufen können und ganz klein beginnen. Mit leisen Tönen erfreuen. Mit einer Buchlesung, Bildervernissage, Musik und mit Kulturevents mich ins Leben zurückkämpfen“, sagte er. Man möchte ihm zurufen: „Alex, Du schaffst das!“. Bernd Hey.

>>>Für 10.- Euro ist das Buch „Ganz nah` dran“ erhältlich in der „Leseratte“ in Bad Kreuznach in der Kreuzstraße, bei Andrea´s Lottoeck in Bad Sobernheim und beim Ehepaar Ruß: Telefon 06756 494


Alexander Russ

Duo Bellevue

mit Schlagerrevue

Buchautor/Juni 2020