Betörend-frohlockende, mystisch-sphärische Harfenklänge auf´m Berg

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Fotos am txtende anklicken. Odernheim. Ein Harfenkonzert der Extraklasse mit Silke Aichhorn erlebten am Samstagabend weit über 200 Zuhörer in der Klosterruine Disibodenberg. Namens des Gastgebers „nahe.kultur.landschaft“ und als Erste Vorsitzende des Freundeskreises Disibodenberg begrüßte Bettina Dickes an ihrem Lieblingsort. Es sei das erste Gala-Konzert nach dem Lockdown und Startsignal für weitere, dankte sie namentlich einem ganz starken Vorstands- und Helferteam.

Völlig relaxt und frohgelaunt schminkte sich die Künstlerin für ihren Auftritt am Tourbus – dieses perfekt organisierte Konzert auf solch historisch-geweihtem Boden sei für sie ein besonderes Geschenk des Himmels und vom lieben Gott, ließ Silke Aichhorn unter lautem Beifall ihren Gefühlen freien Lauf – 37 Konzerte wurden ihr abgesagt, dieser eine Fixpunkt im Kalender auf der Kultstätte Disibodenberg habe ihr Halt und Zuversicht vermittelt.

„Ihre Ohren werden Augen machen“, jene Vorschusslorbeeren aus der Hochglanz-Einladungsbroschüre der „nahe.kultur.landschaft“ über dieses exquisite Harfenkonzert erreichte die Zuhörer in jeder Sequenz. Bei den ersten gezupften Klängen hätte man eine Stecknadel im Gras fallen hören. Silke Aichhorn räumte als Konzertführerin gründlich mit der Plattitüde „lange Haare und ein Kleid“ auf, denn diese Harfe sei anders als das irische Pendant wesentlich komplizierter und müsse kraftvoll-intelligent mit Händen und Füßen gespielt werden, „was nur Frauen können“, scherzte sie.

Zur Einstimmung und der Örtlichkeit angemessen erklang eine irische Volksweise, dem ein Canon von Johann Pachelbel aus dem Barock folgte. Beethovens Künstlerlied „Adelaide“ und „The Last Rose of Summer“, ein Lieblingslied der Künstlerin, standen für eine repräsentative Werkeauswahl; - die Republik Irland trägt die Harfe auf blauem Grund im Landeswappen. Die ganze Virtuosität und Klangfülle kam in dem großartigen und berühmten Orchesterwerk „Die Moldau“ voll zur Geltung, wo in acht verschiedenen Rhythmen und Sequenzen alle Facetten berührend und fesselnd von ruhig-zart, romantisch bis melancholisch oder aufbrausend und mystisch-sphärisch zur Geltung kamen.

Die Coronazeit habe sie genutzt, ganz seltene Partituren von Weltruf zu überarbeiten, erzählte Silke Aichhorn  – nach der Pause zählten ein Walzer von Harfenist Kurt Gillmann ebenso dazu wie die Story des walisischen Barden „David of the White Rock“, der auf dem Sterbelager nach der Harfe verlangte- dessen Spiel 3.500 Jahre v. Chr. belegt ist.

Unberührte Natur, dicke Kirchenmauern-Fundamente und eine intakte Flora und Fauna auf der verwunschenen Ruinenanlage eines Klosters aus romanischer und gotischer Zeit regten bei Zuhörern wie Solistin Kopfkino an: Für derlei Harfen-Klänge aus vier Jahrhunderten scheint der Disibodenberg geradezu prädestiniert, um die entschleunigte und geschundene Corona-Seele baumeln zu lassen und intuitiv der äußerst virtuosen Harfenistin Silke Aichhorn zu lauschen. Seit ihrem Studium am „Conservatoire de musique Lausanne“ zählt die vielseitige Kammermusikerin mit einem Programm von Barock bis Impressionismus zur europäischen Harfenistinnen-Elite.

Mehrere Gassenhauer und Zugaben, darunter „Harping on a Harp“ von Robert Maxwell, das bayrische Volksmusikstück „Staad“ oder Air von Bach aus der Suite No.3, bildeten ein kontrastreich-homogenes Klangerlebnis der Harfenmusik ab: „Es hat einfach alles gepasst“, resümierte sichtlich zufrieden Werner Keym und nannte Wetterglück, die Tonanlage von Vater und Sohn Kirchhof, eine prächtige Publikumskulisse an einem lauen Sommerabend und die atemberaubende Kulturstätte auf dem Plateau des Disibodenbergs, da, wo vor 900 Jahren die mächtige Abteikirche stand. Nach zwei Auftritten am Glan knüpfte Keym die Fäden zu der Ausnahmekünstlerin aus Traunstein; - sie kam von dreitägigen Rundfunkaufnahmen aus Kaiserslautern und hatte gestern einen Folgetermin. Bettina Dickes dankte ihr „auf dem Berg der starken Frauen: Schöner hat niemand den Disibodenberg zum Klingen gebracht“, lobte sie unter tosendem Applaus. Bernd Hey.

IM DETAIL- die Konzertharfe: Wie eine taffe und gewiefte Entertainerin, bewundernswert transparent und mit genialer Spielfreude fesselte Silke Aichhorn ihre Zuhörer und stellte ihr fünftes Musikunikat als moderne Doppelpedalharfe vor: „Sie wiegt 40 Kilo und jedes Kilo kostet 925.- Euro. Wie ein Auto verlieren Harfe und Harfenistin täglich an Wert und Spannkraft“, lächelte sie verschmitzt. Der reine Holzrahmen des Instruments müsse dauerhaft einer Zugkraft von 1,5 Tonnen standhalten. Sieben Fußpedale mit jeweils drei verschiedenen Positionen rasten ein, im Harfenhals seien 2.000 Einzelteile verbaut. „Wir müssen fühlen, hören und sehen was wir machen, deshalb sind bunte Seiten auf der Harfe“ erklärte sie plausibel. Das Instrument ist aus Fichte, die äußere Schicht besteht aus Vogelaugenahorn. Nein, sie wolle nicht im „Stand-By-Modus“ im Orchestergraben auf ihren Einsatz durch den Dirigenten warten – die Tuchfühlung mit dem Publikum sei für sie Lebenselixier und Metier, sagte sie.

Zu den Fotos: Mit Silke Aichhorn gastierte eine professionelle Harfenistin der Extraklasse und zum Anfassen bei einem Galakonzert auf dem Disibodenberg.