Gedenkgottesdienst in Hundsbach für 16 Opfer nach Bombardement 1945

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Fotos unten - Hundsbach. Kosovo, Syrien, die Ostukraine mitsamt dem verheerenden MH 17 Flugzeugabschuss hoch über den Wolken – die Aufzählung von Krieg, Terror und Gräueltaten ließe sich beliebig lang fortsetzen. Wir leben in einer Welt voller Unfrieden und Zerstörung: „Hilflos müssen wir zusehen, wie der Krieg auf dieser Erde kein Ende nimmt. Viele Kinder, viele Frauen sind Opfer dieser Kriege in der Welt. Es ist, als hätte die Menschheit nichts dazu gelernt“, Superintendent Marcus Harke sprach den Besuchern beim Gedenken an die Opfer der Bombenangriffe vor 70 Jahren auf Hundsbach aus der Seele. 16 Menschen im Alter von 13 bis 76 Jahren fielen dem Bombardement zum Opfer, 15 wurden namentlich verlesen, darunter eine Frau aus Meisenheim und ein Pole, ein Franzose starb in einem Krankenhaus. 75 Prozent waren zerstört oder in Mitleidenschaft gezogen. Hundsbach glich einer Geisterstadt“, so Chronisten. Trauer und Panik, Schock und Verzweiflung überkam die Einwohner aus heiterem Himmel und zerstörte abrupt die dörfliche Idylle, zumal die Menschen aus den ausgebombten Städten in diesen letzten Kriegsmonaten vor 70 Jahren aufs sicher geglaubte Land flüchteten. Und doch war Hundsbach nur ein Randereignis, bekanntlich wurde zeitgleich Dresden zerstört, wo 25.000 Opfer zu beklagen waren. Wir berichteten mehrfach ausführlich.

Die Gedenkandacht in der evangelischen Kirche Hundsbach war gut besucht, der Pfarrer schloss alle Opfer der beiden Weltkriege und der Nazidiktatur in sein Gebet ein, ohne alte Wunden aufreißen zu wollen: „Es hat etwas Gespenstiges, wenn ich mir das versuche vorzustellen“, fand Pfarrer Marcus Harke die richtigen Worte, als am 20. Februar vor 70 Jahren sich die Gemeinde mit vielen Menschen aus den umgebenden Dörfern im Morgengrauen um 7.30 Uhr auf dem Friedhof versammelte. Die Särge waren vorher in den Ruinen der Kirche aufgebahrt. Nun wurden die Toten in einem Massengrab beigesetzt. Im Hintergrund die mächtige Kirche, das Dach ein Gerippe, die Fensterhöhlen leer und dunkel. Höfe und Häuser waren zerstört – Vieh wurde in Bombentrichtern verscharrt. Die Auswahl der beiden Psalmverse 9 und 10 für die Predigt als Bitte „lassen die Hilflosigkeit, ja Sprachlosigkeit vermuten mit der auch Pfarrer Röhrig diesem schrecklichen Ereignis gegenüberstand“.

Der Schock dieser Tage steckte allen in den Gliedern. Die merkwürdige Uhrzeit, die Beerdigung um halb acht in der Frühe anzusetzen, geschah wohl aus der Angst, es könnten noch weitere Angriffe folgen, vermutete der Seelsorger. Tatsächlich flog um 11.15 Uhr noch einmal ein Flugzeug über Hundsbach. Es war ein Aufklärungsflugzeug und machte eine Luftaufnahme von dem angerichteten Schaden, „sozusagen eine Ergebnissicherung“, wie wir es in unserer Zeitung vor einer Woche veröffentlichten. Gleichzeitig kamen fast jeden Tag neue Schreckensmeldungen von gefallenen Soldaten. Mütter und Väter beweinten ihre Söhne, Kinder blieben ohne Vater, junge Frauen wurden zu Witwen.

„So können wir klagen - aber nicht anklagen. Von keinem Tag zwischen 1939 und 1945 darf Deutschland behaupten, es habe einen Verteidigungskrieg geführt“, konstatierte Harke. Die Toten müssten uns warnen, nie wieder in ein solches Denken zu verfallen, wie es von unserem Land ausgelöst wurde. Der frühere Hundsbacher Pfarrer sparte das Verbrechen an Juden ebenso wenig aus, wie „eine unzweideutige aktive Parteinahme, aber eben auch politische und menschliche Gleichgültigkeit. Das dürfen wir nie vergessen. Ja, wir müssen uns an das Schlimme zurückerinnern“. Die Toten zu vergessen, könne tödlich werden; - von dem jüngst verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizäcker zitierte er den Satz: „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“.

„Wir sehen heute kaum noch und wollen es auch nicht wahrhaben, dass der Wohlstand den wir haben, auf den Gräbern der Opfer der beiden großen Kriege steht“, sagte er, auch in Hundsbach seien die Menschen nach dieser schrecklichen Bombardierung zusammengerückt, Gott habe einen neuen Anfang ermöglicht.

Möge uns die Erinnerung helfen, hier sensibel zu bleiben, statt in alte Denkmuster zurückzufallen, war sein Appell in die Zukunft gerichtet. Im Gedenken an die Opfer der Bombardierungen sollten wir uns aufraffen und erheben aus dem Geist des Alten, des Hasses und der Gewalt, und uns ergreifen lassen von dem Geist Gottes, in dessen Sinne die Jahreslosung 2015 steht: „Nehmet einander an, wie Christus euch auch angenommen hat, zur Ehre Gottes“. Diese Botschaft in die ganze Welt zu tragen, bleibe eine hehre Aufgabe.


Gedenkstätte Friedhof Hundsbach

Luftaufnahme aus dem Pentagon

Gedenkgottesdienst mit Marcus Harke