Fachkräftemangel fällt nicht vom Himmel! Ist Ausbildung negatives Spiegelbild der Gesellschaft? Arbeit macht zunehmend krank - Rosinen picken ist In

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Fotos zum Thema am Textende, ANKLICKEN. > Ich fasse es nicht: „Forderung an die Bundesregierung: Mehr tun gegen Fachkräftemangel“ - tickert es zum x-ten Male Mitte September 2018 über TV-Sender. In der Folge wird dies auf allen Kanälen mit Reportagen, Umfragen und getürkten Statistiken, die von allen möglichen und so unsinnigen Kammern und  „Pflichtmitgliedschaftsabzockern“, die kein Mensch braucht, unterfüttert. Wo waren alle Heuchler, als 2004 bei der HwO-Novelle das Inhaberprinzip fiel, 53 Handwerksberufe von der Meisterpflicht befreit wurden, und das Handwerk eine Jahrhundert-Klatsche hinnehmen musste, sich alle Welt an den „Ein-Euro-Jobbern“ bediente und Goldgräberstimmung sich breit machte?

Der Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer meldet sich: „Die Achillesferse ist der Fachkräftemangel“. Soll etwa die Bundesregierung in Berlin („der Staat“) ausbilden oder Geld zuschießen, damit sich ausländische Firmen, Staatsbetriebe, Betrüger-Kartelle und Global-Player einen faulen Lenz machen können? Jedes Jahre das gleiche Dilemma: Unbesetzte Lehrstellen - „Azubis“ werfen hin, werden nicht ästimiert, wertgeschätzt–obwohl man ihnen den roten Teppich ausrollt…

Wenn man bei den Berufstätigen nachfragt, ob sie ihre einst so geliebten „Frauen“-Berufe wie Kindergärtnerin, Hebamme, Krankenschwester oder Polizistin wieder lernen würden, kommt schnell ein klares lautes Nein.

Der Autor dieser Zeilen, Fleischermeister, weiß, worüber er schreibt: Selbst bezahlte er mehr als 15 Azubis die Prüfungsgebühr. Nicht alle lernten drei Jahre im Meddersheimer Fleischerfachgeschäft, viele „schmissen“ woanders hin, oder beendeten irgendwo wegen Übernahme oder fehlender Betriebsnachfolge in BSE-Zeiten, Ende der 1990-er, ihre Lehre. Aber alle bestanden! Teils wurde in Meddersheim bei den Lehrern Alexander Verheyen und Nils Watzka nachmittags Dreisatz gelernt, sich gekümmert, niemand hängengelassen: Alle bestanden ihre Prüfung!!! Wo gibt es das noch?

Egoismus herrscht zunehmend. Überhöhte Anforderungen, Rund-um-die-Uhr Erreichbarkeit, wenig Lohn, unbezahlte Überstunden – eine grassierende Ausbeutung vielerorts, nicht einmal der gesetzliche Mindestlohn wird gezahlt. Mit welchem Recht? Arbeit macht heute krank – null Bock für Ausbildung. Keine Zeit. Die wird –gegen Bezahlung— in überbetrieblichen Lehrgängen erledigt. Lehrlinge fehlen dann, wenn sie im Betrieb gebraucht werden!

Ja, Fachkräfte sind wichtigster Standortfaktor, das Handwerk, der Mittelstand und zufriedene Arbeiter sind das Rückgrat des Wohlstands. In einem Kirner Lkw-Betrieb an der B 41 wurde ein über 18-jähriger Mechatroniker aus Schweinschied in der Ausbildung geschasst: „Du bist zu blöd für die Prüfung“. Er und ein weiterer gingen. Warum zum Teufel sich so anmosern lassen, wenn man ohnehin mit dem Einkommen nicht auskommt. Millionen geht das so – was die Unzufriedenheit mit der politischen Kaste und den Rahmenbedingungen erklärt.

Der Fisch stinkt vom Kopf her: Unfähige Ausbilder, Vorgesetzte mit spitzen Ellenbogen und Hinterzimmerpolitik, wo Gehälter ausbaldowert werden. Heute wird die Servicewüste Deutschland grottenschlecht auf Zuruf regiert, vieles läuft total verkehrt – der Schwanz wackelt mit dem Hund, eine Aufzählung wäre müßig. Wo anfangen, ohne als Nörgler zu gelten? Bei Dieselgate, Altersarmut? In den Schulen fehlen 10.000 Lehrer - nochmal so viele Handwerker, um „Sanierungsstaus“ zu beseitigen. In Krankenhäusern, Pflege und bei Senioren fehlen über 20.000.

Auch Kommunen und Verwaltungen geben in punkto Ausbildung ein ganz schlechtes Zeugnis ab: Sie suchen qualifiziertes Personal, gehen schnorren und picken Rosinen. Obwohl wenig bis nichts ausgebildet, wollen sie trotzdem ernten – viel Leistung für wenig Geld. Beispiele? Jede Menge - nur Amtsblatt und Zeitung aufschlagen. Dass seriöse Handwerksmeister Angebote schreiben und dann die Kommunen mit eigenem Bauhof-Personal laut dem Angebot das Material im Supermarkt billig kaufen und die Arbeit selbst mit Hilfskräften ausführen, ist eine neue Dimension des „Ich-bin-doch-nicht-blöd“ Werteverfalls. Zunehmend werden die Regularien einer freien und fairen sozialen Marktwirtschaft ad absurdum geführt – nur Profit und Geld zählen. Schade in so einem reichen Land wie dem unseren….

Zu den Fotos: 1. Ausbildungsbörse in Kirn - 77 Firmen werben. Foto 2+3: Als 2005 der Kirner Handwerksgesellenverein von 1880, deutschlandweit einmalig, sein 125-Jähriges feierte, war die Novellierung der Handwerksordnung und Hartz I-IV. Top-Thema. Foto 4: Nach 15 Jahren Stückwerk und Rosinenpicken durch Telekom in der Servicewüste D wird die Glasfaserkabel-Verbindung von Meddersheim nach Becherbach bei Kirn Ende September 2018! verbessert. Zum 12.ten Male ein- und dieselbe Stelle „aufgebuddelt“. Die Allgemeinheit zahlt. Foto 5: Ausschreibung zur Stellenbesetzung – nach dem Motto „zu wenig fordern ist Dummheit“. Ausbildung? Fehlanzeige!