"Benzwinkel" Kirn-Sulzbach: Heimat für Tauernschecken- Ziegen, Westfälische Totleger, für Deutsche Langschan, Bergamasker Hirtenhunde und Gnadenbrot-Tiere

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Fotos unten anklicken: Kirn-Sulzbach. Auf zahlreichen Messen und Märkten, zuletzt am Tag der Tiere im felkestädtischen Freilichtmuseum oder beim Erntedankfest mit Bauernmarkt in Nußbaum standen Judith Schönborn und Friedhelm Thabor im alten Schloss mit einem großen Info-Stand und informierten selbstlos, ohne etwas zu verkaufen, über ihr Hobby: Das ist ihre Erhaltungszuchtstätte vom Aussterben bedrohter Haustierrassen im Kirn-Sulzbacher „Benzwinkel“, wo 50 seltene Tierarten leben, die teils auf der roten Liste stehen, oder artgerecht in Gottes freier Natur ihr Gnadenbrot bekommen.

Mit der Landwirtschaft aufgewachsen, im Heimatdorf integriert, tief verwurzelt und als Kind das Reiten gelernt, hat ihr Vater Reiner Schönborn im Dorf im Obst- und Gartenbauverein die Kelter betrieben, Tochter Judith und Sohn Bernd dazu erzogen, die Natur wertzuschätzen und mit und von ihr zu leben, gesunde Lebensmittel selbst zu produzieren, nichts wegzuwerfen, die Schöpfung zu ehren und Nachhaltigkeit zu leben. 1991 erhielt sie ihr erstes eigenes Pferd und ein Jahr später einen Bergamasker Hirtenhund.

Beruflich arbeitet Judith Schönborn als gelernte pharmazeutisch-technische Assistentin in der Neuen Apotheke am Marktplatz 5 in Kirn. Ihr Mann Friedhelm Thabor ist in Waldböckelheim geboren. Der Ausbildung als Maler und Lackierer folgte ein Staatsexamen in der Altenpflege. Seit 2009 ist er ausgebildeter Pflegesachverständiger – heute arbeitet er als Altenpfleger im Nachtdienst im Kirner Haus Bergfrieden: „Nachts bin ich für Pflegebedürftigen da - der Tag gehört den Tieren“, sagt er, „da werden die Batterien aufgeladen und da kommt unheimlich viel zurück. Das ist Lohn genug“. Seit 2017 sind die beiden ein Paar.

Als junger Mensch war Judith Schönborn Mitglied bei Greenpeace, im Kieler „Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung“, stand mit Kirner Aktivisten auf dem Marktplatz, schickte Eier zur Untersuchung ein, ob sie Bio-Kriterien erfüllen: „Ich war ganz extrem aus Überzeugung. Massentierhaltung und –produktion kommt nicht ohne Antibiotika aus. Auf der Arbeit sehe ich ständig, dass Menschen immer kränker werden. Zu 70 Prozent hausgemacht: Beispielsweise durch zu viel Fleisch essen und falsche Ernährung. Weniger wäre für Mensch und Tier mehr. Global könnte es uns allen viel besser gehen, lebten wir bewusster“, sinniert die 49-Jährige. „Wir werden die Welt nicht retten, aber wollen permanent wie ein Tropfen auf den heißen Stein sensibilisieren und informieren, dass Millionen Tonnen Fleisch aus Massentierhaltung weggeworfen werden, machen uns tieftraurig. Jedes Tier ist Teil der Welt und wir haben nur die eine Erde, es gibt keinen Plan B“, sagt sie.

Das Terrain im Kirn-Sulzbacher „Benzwinkel“ bewirtschaftete schon ihr Opa und ist heute Erhaltungszuchtstätte vom Aussterben bedrohter Haustierrassen. Hier und im Wiesengrund leben 50 Tiere wie Esel oder Shetland-Pony, das 19 Jahre alte Zwergmaultier „Charly“ aus der deutschen Esels-Nothilfe, Hispona-Araber oder die englische Vollblutstute, Tauernschecken-Ziegen, die 220 Jahre alte Legehuhnrasse „Westfälische Totleger“ sowie das „Deutsche Langschan“. Letztere sind robuste und schwere Zweinutzungshühner. Weltweit sind 1.900 Nutztierrassen bedroht; - Judith Schönborn ist bundesweit Rassebeauftragte für die Bergamasker-Hunde auf der Roten Liste der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH).

Extreme Gutmütigkeit zeichnet die Tiere aus, die außer ihrem eigenen Schutz noch „keine geschlossene Stalltür gesehen haben“, informierte Friedhelm Thabor. Und noch etwas ist dem Paar wichtig: „Von Tieren kommt unendlich viel zurück“, sagen sie: Als das Reitpferd „Sugar“ 27-jährig starb – sind alle Tiere gekommen, haben getrauert und Abschied genommen. Da musste tags darauf ein neuer Bewohner von Axel Bohr aus Rehbach die Lücke füllen…

Altes genetisches Erbgut, die Biodiversität zu erhalten, ist dem Ehepaar sehr wichtig – und ganz stolz sind sie, an dem Kryoreserve-Projekt beteiligt zu sein. Dabei werden an die wissenschaftliche Lehr-und Versuchsanstalt in Rommerskirchen im Auftrag der Bundesregierung und der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung Spermien gewonnen und eingefroren, um im Not- oder Seuchenfall Material für alte und robuste, standortangepasste Hühnerrassen zu haben.

80-jährig kommt Archibald Pfrengle auf das große Areal im Benzwinkel, Walnüsse aufsammeln, und das passt ins Bild der Eigenversorgung „nichts umkommen zu lassen“. Dieses Jahr gab es eine Obstschwemme – ein Segen aus Mutter Natur für Mensch und Tier, sagt das Ehepaar.

Weitere Infos: www.benzwinkel.de oder Info(at)benzwinkel.de