Pfarrer Karl Friedrich Mayer wurde vor 50 Jahren ordiniert

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Fotos anklicken -unten- am Textende -Becherbach / Meisenheim. Am 29. Dezember 2018 singt der Becherbacher Brückenchor unter Leitung von Mechthild Mayer in der evangelischen Kirche das Weihnachtskonzert „O Heilige Nacht“ mit Finn Rickenbach an der Orgel und trägt Weihnachtsmusik aus der Romantik vor. Die Zuhörergemeinde möge „die Kirche still und andächtig verlassen….der alte Mettengesang wird Sie in die Winternacht begleiten“, so steht es im Programm - und im Anschluss wird zum Beisammensein ins Dorfgemeinschaftshaus eingeladen.

Es ist für die Kirchengemeinde Becherbach mit Heimweiler und Otzweiler ein historisches Datum, denn Tag-genau vor 50 Jahren wurde Karl Friedrich Mayer am 29. Dezember 1968 an gleicher Stelle zum Pfarrer ordiniert. Es war die letzte Amtshandlung von Pfarrer Dr. Carl Peter Adams, Superintendent des Kirchenkreises Meisenheim. Der vollendete zwei Tage zuvor sein 70. Lebensjahr. Er wurde zum Jahreswechsel in den Ruhestand versetzt, und 1969 wurden dann die drei Kirchenkreise Meisenheim, Sobernheim und Kreuznach zum Kirchenkreis „An Nahe und Glan“ zusammengeführt.

Wie war das damals, als das Ehepaar am 21. Oktober 1968 mit der zweijährigen Almut und Baby Heilswint nach Becherbach kam? „Wir hatten nur Lampions aufgehängt, sollten eigentlich nach Indonesien oder Afrika gehen“, erinnert sich Mechthild Mayer, und gefühlt minutenlang bleibt Ehemann Friedrich mit offenem Mund sprachlos - ungewöhnlich für ihn, einen agilen und geistig top-fitten 79-jährigen. Nach dem Weggang von Pfarrer Ide herrschte keine Einigkeit in den drei Dörfern (gelinde formuliert), es gab ein völliges Vakuum, kein Presbyterium mehr.

Der erste Advent war erster Gemeindeabend: „Es war schwierig, diese neue Führungsrolle auszufüllen. Ich bin 19 Jahre in der Steppe Namibias barfuß gelaufen, und kam dann 29-jährig nach Becherbach“. Zuvor lebten sie in einer kleinen Mietswohnung in Bad Kreuznach; - jetzt war das neutrale Pfarrhaus Wohnzimmer für drei Orte, und die Becherbacher kannten nur gestrenge Pfarrer im schwarzen Anzug und mit Hut – „der Neue“ geht im Pullover und mit Kindern auf der Schulter ins Dorf an Zinke und Schlarbe einkaufen – Milch und Eier holt er bei Günthers (Adolf und Lina Klein), und das war spannender Gesprächsstoff im Dorf, es menschelte…

Der blinde Organist Gustav Siegel war Anker, „alle Orte zusammenführen und die Gründung des Chores der ev. Kirchengemeinde“ hatten oberste Priorität um die Spaltung zu besiegeln. Bei seiner Ordination kam von 19 Pfarrern nur einer, verspätet. Gerne erinnert sich das Paar an intensiv-gelebte Jahre. 1974 wurde die Becherbacher Kirche saniert, Kirchenmusikerin und Bach-Verehrerin Mechthild Mayer war ab 1975 Kantorin in Kirn, Musicals, Singspiele oder Kinderchoraufführungen wie „Kalif Storch“ oder die „Regentrude“ förderten die Schüler ungemein. Mit einem vollbesetzten Bus wurde sogar im Schwarzwald das Singspiel vm Rattenfänger aus Hameln aufgeführt. Zum 20-Jährigen 1988 in Heimweiler, war letztmals die große Familie zu acht zusammen, und alle, die bei Mechthild Mayer das Flötenspiel erlernten, kamen.

Ein weiteres gravierendes Datum war der Januar 1979 – Friedrich Mayer war zum Pfarrer in den Dom von Altenberg /Odenthal im bergischen Land gewählt. Ein Damoklesschwert hing beim Abschiedsgottesdienst über der vollzählig versammelten Gemeinde - man hätte eine Stecknadel fallen gehört. Die ersten Worte von Walter Post vom Synodalvorstand lauteten „Euer Pfarrer bleibt“ - Riesenjubel brandete auf, die Kirche wurde zum Tollhaus, der Gottesdient war Makulatur. Als im gleichen Jahr 1979 Stall und Scheune von Walter Schätzel neben dem Pfarrhaus brannten, trotzte der Pfarrer der Feuersbrunst mit den Wehrleuten und zerrissenem Hemd in der ersten Reihe und rettete das Vieh – berichtete die Kirner Zeitung, und noch heute ziehen alle, die dabei waren, ihren Hut.

„Dann haben wir uns hier verwirklicht: Was ich in Altenberg gemacht hätte, habe ich in Becherbach begonnen - als erster im Kirchenkreis wurde die Osternacht gefeiert – um halb sechs morgens, 300 kamen, Wahnsinn“, sinniert er. Drei Jahre später hoben sie den Brückenchor aus der Taufe – jährliche Ausflüge und Reisen mit der Gemeinde haben nach Israel oder Namibia geführt, in Brasilien stand die Gemeinde am Grab des Becherbacher Pfarrers Friedrich Oswald Sauerbronn.

Unvergessen bleibt das Mysterienspiel „Der dunkle Reigen“ von Manfred Hausmann, das von der Kirchengemeinde in Bonn, Essen, Düsseldorf, 13 Mal bundesweit aufgeführt wurde. Darauf sind Mayers Stolz. Leider gab es keine Ton- und Filmaufnahmen und kaum Fotos über das dreieinhalbstündige Spektakel mit brillanten Sequenzen, Monologen, Dialogen und Prologen im Ringen zwischen Leben und Tod. Der Autor dieser Zeilen, übrigens der erste Konfirmationsjahrgang von Friedrich Mayer 1969, drangsalierte unsanft als Henker dessen Frau Mechthild, die eine Ehefrau mimte, derb schimpfend am Henkerstrick über die Bühne ziehend: „Hör auf, Blitzkröte, verdammte Hur! Verstehst du nichts andres, als Nacht und Tag, zu gaukeln und zu schalmeien nur…?“, hieß es da im Text. Schwer-verdauliche Kost in der Kirche. Ebenso herzzerreißend wie beklemmend war eine Aufführung ihrer Hauseinweihung im Gelben Haus in Meisenheim im Jahre 2003, als Friedrich Mayer „Ich ein Jud – die Seelenqualen des Judas“ spielte.

Im Advent gingen Mayers wie seit 50 Jahren Kurrende singen und Flöte spielend durch die Orte– „künftig müssen die Kinder zu uns kommen“, lachte die Pfarrersfrau diebisch. Über Weihnachten herrschte „früher“ Hochkonjunktur, da sei er immer platt, fix und fertig gewesen. Jetzt „stehe ich nicht mehr unter Druck - jetzt will ich wie in den Psalmen beschrieben, die Schönen Gottesdienste des Herren mit der Gemeinde feiern!“, sagte Friedrich Mayer. Alles im Leben hat seine Zeit – auch für den zweitlängsten Becherbacher Dorfpfarrer. Letzter mit Wohnsitz im Pfarrhaus war übrigens Horst Grothe.

PFARRERFAMILIE MAYER: Die fidele Kantorin Mechthild hat einst als Lehrerin beim Gesang „ihr Herz in Heidelberg“ an Student Friedrich Mayer verloren. In Langenbrand im Schwarzwald wuchs die Pfarrerstochter mit drei Geschwistern auf. Als sie sechs Jahre alt war, verunfallte ihr Vater am 6. Dezember bei Glätte tödlich, sein Auto stürzte in die Nagold. Friedrich Mayer wuchs in Gibeon (Namibia) und KwaZulu-Natal (Ostküste Südafrika) auf, sein Vater war Missionar auf Lebenszeit. Neben Almut, Heilswint, Burkhard und Gertraud wurde Frauke 1979 als Pflegekind angenommen, Tochter Dietlind wurde 1980 geboren – „aus allen ist etwas G´scheites geworden“, strahlen die neunfachen Großeltern.


Mayers

Am Tag des Denkmals

2018 in Becherbach

Der dunkle Reigen

Brand bei Schätzel