www.heylive.de Der Goldene Meisterbrief: Autor Bernd Hey ganz persönlich: Es ist „nur“ eine Urkunde – im Oktober 2026 haben sie in der Handwerkskammer Koblenz 117 erhalten – und in Bayern wird die Ehre verliehen, wenn Mann/Frau 35 Jahre Selbstständig ist. Geehrt wird heutzutage fast jeder für alles Mögliche; – es gibt die IHK-Auszeichnung für „Gesellschaftliche Wirkung“, für „Innovation und unternehmerische Mobilität“, für „Verantwortung & Zukunftsorientierung“ usw.usw. Aber der Goldene Meisterbrief ist eine ausgefallen-fette Ehrung für gelebte Handwerkstradition, dem die Altvorderen und die HwK Koblenz einen gebührenden Stellenwert zugestehen. Vielen ist das Erreichen dieses „Meilensteins“ nach 50 Jahren leider nicht mehr vergönnt. Fünf Jahrzehnte nötigen einem selbst Respekt und Rückbesinnung ab. Wenn nicht jetzt, wann dann? Carpe diem –die Zeit läuft ab!

Im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) ist der Meistertitel auf einer höheren Niveaustufe als das Abitur eingeordnet. Fachkräfte hat das Handwerk bitter nötig und das hat immer mehr „Goldenen Boden“ – der Kammerpräsident Kurt Krautscheid nannte 46.000 Akademiker, die keine Anstellung finden. In jungen Jahren und im Hamsterrad des Lebens hab ich niemals daran gedacht, dieses Datum zu erreichen. „Da musst Du hin. Du bist der Jüngste!“ – ermutigten mich meine drei Kinder. Gerne habe ich mir einen Motiv-Schlips umgebunden und bin mit meiner Frau Ulrike zur feierlichen Verleihung nach Koblenz gereist, denn sie hat die Ehre mindestens genauso verdient. Was muss, das muss.

Aufgewachsen bei Oma und Opa in der Landwirtschaft im kleinen Dörfchen Otzweiler musste ich damals Metzger lernen und war bei der Vorstellung im Fleischerfachgeschäft von Helmut Saxler in Kirn keine 14 Jahre alt: „Gess un getrunk wird immer! Bäcker und Metzger werden nie arbeitslos und sind ehrbare Handwerksberufe“, so hieß es damals.

Nach drei Jahren Lehre und drei Jahren Geselle bot sich mir auf eigene Kosten die Möglichkeit in der Frankfurter Fleischerschule Heyne die Meisterprüfung abzulegen. Weil in RLP fünf Gesellenjahre und in Hessen drei nötig waren, verlegte ich meinen Wohnsitz nach Frankfurt am Main. Mein Lehrmeister Helmut Saxler war väterlicher Freund, Kumpeltyp und Förderer. Es zählte der Handschlag. Der Prüfungstag (12. 10.1976)  begann mit heißem Wasser und putzen der Räumlichkeiten. 100% Hygiene und Reinheit für Lebensmittel! 1976 feierte der MGV Krebsweiler-Heimberg in einem Festzelt 100. Geburtstag, da lernte ich meine Frau Ulrike Köhler kennen. Es waren unruhige Zeiten, bundesweit wurde die RAF gejagt; – mitten in Frankfurt Sachsenhausen gerieten wir zu sechst in eine wilde Schießerei und Kugelhagel. Bevor wir die ganze Chose überhaupt realisierten und Deckung suchten, war der Spuk vorbei. Gut ein Jahr später am 18. Oktober 1977 begingen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in der JVA Stuttgart Stammheim Suizid. Augenzeuge waren wir auch bei einem Feuerwehreinsatz in der Mörfelder Landstraße, wo die Berufs-Feuerwehr mit Drehleiter rigoros zehn unsachgemäß-abgestellte Fahrzeuge wie im Actionfilm aus dem Weg rammte.

Nach je drei Jahren Lehrbub, Geselle und Meister eröffnete ich am 2. Dezember 1979 mit meiner Frau Ulrike (Hochzeit 18.10.1980) die frühere Metzgerei von Karl Gilcher, 55566 Meddersheim, Naheweinstraße 41. Pacht: 1.400 D-Mark/Monat. Weil Gilcher plötzlich seine Metzgerei aus Eigennutz wenige Tage vor der Geburt unseres 2.ten Sohnes Jan (Weinfestkind, 25.8.1984) kündigte und rigoros am Stammtisch Christmann (heute „Zur Traube“) androhte und posaunte, alles auf die Gaß` rauszuwerfen, was an Silvester noch im Haus ist, war Eile geboten. Die Kunde brachten Kunden und der Post-Otto, obwohl wir denselben Hauseingang nutzten – war so!. Am Geburtstag meiner Frau am 21. 12. 1984 war Notartermin zum Kauf des Anwesens von Erna Fröhlich („Wutze-Fröhlich“) in der Kirschrother Straße 2. In heute undenkbarer Rekordzeit eröffneten wir nach 3 Monaten am 2. April 1985 ein Fleischerfachgeschäft, komplett neu. 15 junge Leute wurden im täglichen Alltagstrott seit 1976 ausgebildet und alle erhielten voller Stolz ihre Facharbeiter- und Gesellenbriefe. Und dazu: Drei tolle Kinder großgezogen, keinem, niemanden, einen Pfennig oder 1 Cent schuldig geblieben…

Ich bin gerne zur Verleihung „Goldener Meisterbrief“ nach Koblenz gereist: 70-jährig auf 50 Jahre intensive Lebensleistung mit Genugtuung und großer Dankbarkeit zurückzublicken, hat Charme und macht Freude. Vielmehr geht nicht. Familie und Verwandte, Kunden, Mitarbeiter und Azubis, Kumpels und Freunden sei Dank. Sie haben großen Anteil – der Goldene Meisterbrief ist für mich mehr als „nur“ eine Urkunde! Bernd Hey.

>>>Lesen Sie wenn Sie mögen, Teil 2: Vita & Chronik von A bis Z

Cookie Consent mit Real Cookie Banner