Glantal-Klinik Meisenheim: Scheidender Chefarzt Michael Klessing prangert nicht nur Zwei-, sondern Dreiklassen-Medizin und Lobbyismus an! Wo sind Deutsche Ärzte hin? Oft kann Klinikpersonal nicht einmal den Essensplan lesen!

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Meisenheim. Das Alte Rathaus in der Untergasse war zur feierlichen Verabschiedung von Dr. Michael Klessing proppenvoll. Patienten, Weggefährte und Freunde, Meisenheimer und kommunale Würdenträger wollten dem Belegarzt, Internisten und Chefarzt der Inneren Abteilung der Glantal-Klinik Tschüss sagen. Mitarbeiterinnen herzten und drückten „den besten Chef der Welt, der immer Teil eines Teams war“. Solch charismatische Persönlichkeit zu ehren, der aufgrund seiner Vitas im Beruf eine Koryphäe war, sprachen Mitarbeitende, Ärzte, Kollegen und Professoren offen aus. Sein Vorgänger Dr. Hans-Dieter Klien kam, und auch sein Nachfolger Dr. Thorsten Blöck, den Klessing seit 2005 als Oberarzt einarbeitete, strahlte, und hat seit 1. März reibungslos übernommen.

Noch einmal ließ der frisch vermählte und nach Halle (NRW) ziehende 64-Jährige „Meisenheimer-rauf-und-runter-Stationen“ Revue passieren und sprach unverblümt Klartext: Die Demonstration der Bevölkerung gegen die drohende Streichung aus dem Bedarfsplan 1997, die den sicheren Tod des Standortes bedeutet hätte, habe ihm sehr imponiert. Der Trägerwechsel 2001/ 2002 zum Landeskrankenhaus sei ein Segen und eine logistische Herausforderung in der digitalisierten Welt gewesen, und mit dem genehmigten 40-Millionen-Bau seien die Weichen gestellt und der Ausblick sehr gut. „Die Politik beschäftigte uns permanent“, sinnierte Klessing und ließ kein gutes Haar an Gesundheitsfond oder „zielgenauen“ (verfehlten) Reformen: „Die KV, Politiker und Interessenverbände bemühen sich nach besten Kräften, das System gegen die Wand zu fahren!“. Gesagt werde, das Belegarztsystem sei erwünscht, getan werde das krasse Gegenteil. „Wo bleiben deutsche Ärzte? Man sollte sie im Land halten!“, beklagte er ärztliche Landflucht. Ja, es gebe die Zweiklassenmedizin, es gebe sogar drei Klassen: Die Privatpatienten, die Kassenpatienten die alles durchsetzten, was das System hergebe und die „ganz Armen, die sich nicht wehren können oder wollen, und die im System hinten runterfallen. Ich habe Menschen erlebt, die die 10 Euro `Begrüßungsgeld` nicht zahlen können, geschweige denn die Zuzahlung für dringend benötigte Medikamente“. Da schwang viel Bitterkeit, Arroganz und Machtlosigkeit mit: Andererseits gehe ein „Schnäppchenjäger“, der dem Land solch Blamage antut, mit 52 in Rente und kassiere ab, und das sei in seinen Augen einmalig erniedrigend. Einem lauten Raunen folgte langer Applaus. „Ich mag so kein feierliches Gedöns. Ich hatte das beste Team der Welt und versucht, aus der jeweiligen Situation das Beste zu tun. Ich hätte meine Patienten nie hängen lassen!“, sprach er aus, was zuvor der Laudator und Geschäftsführer der Glantal-Klinik, Dr.Gerald Gaß, als „Berufung, Befriedigung und Lebensinhalt“ titulierte und Klessing einen profilierten Arzt und verlässlichen Partner aus Passion und Leidenschaft nannte, der sich „für die Region und Menschen einsetzte und für seine Patienten rund um die Uhr da war“.

Genau 7000 Tage habe er am Glan gewirkt, in 19 Jahren und zwei Monaten über 19.000 Patienten behandelt und 40 Millionen Euro generiert, rechnete Gaß vor und las von Franz Kafka das Referat: „Der Landarzt“.

Den musikalischen Part am Piano übernahm gekonnt Stadtchef Werner Keym, der auch einen spontanen Projektchor begleitete. VG-Bürgermeister Alfons Schneider, selbst Patient bei Klessing, dankte namens der Bevölkerung. Der Internist sei ein Segen für die Menschen in Meisenheim und der Region gewesen, viel Wehmut und Dankbarkeit schwinge mit. Anästhesiologin Dr. Katharina Hanf dankte und lobte kompetente und kollegiale Zusammenarbeit. Im Eiltempo habe er Vertrauen erworben, keine Hokuspokus-Medizin verabreicht; -Patienten sei ein Ärztemarathon erspart geblieben. Er selbst habe die Reißleine gezogen.

Herzlich dankten Pflegedirektor Klaus Clemens, Personalratsvorsitzende Petra Gulla-Hesse und Praxiskoordinatorin Jenny Threin. Aus seinen Verdiensten, seinen Marotten („Mach hinne- in zwei Stunden wird’s dunkel“) und Anekdoten, welche die Stationsleiterinnen Birgitt Michel, Brigitte Möhler und Birgit Schillinger in Reimvers vortrugen, ging ein sorgender Chef, Kümmerer und Mentor hervor: „Sie gaben uns Tipps und Rat, auch wenn man sie nicht darum bat“. Jetzt zählt nur noch eins: „Fernab von Patienten, Akten und KV- jetzt zählen nur noch Sie, ihr Hund und ihre Frau!“.


Chefarzt Dr. Klessing (mitte)