Biogasanlage Nußbaum vor dem Aus?- "Stinkt, macht krank & ist gefährlich!"

Kategorie: Bad Sobernheim, Nachbarschaft, Lokale News an Nahe und Glan, Highlights

 

Fotos unten- Nußbaum. „Es stinkt zum Himmel und es reicht!“ -  Ein Orkan der Entrüstung gegen eine Biogasanlage fegte am Freitagabend durchs Gemeindehaus -130 Gegner sehen die Dimensionen als fehl am Platz an und wünschten die kreisweit erste Anlage aufgrund höchst problematischer Risiken zum Teufel und dorthin, wo der Pfeffer wächst.

Nur Nicolas Nickel vom Projektplaner „ABO Wind“ und Landwirt Harald Kurz waren Befürworter. Etwaige Anlieferer waren nicht zu hören, und wollten auf sachlich gezielte Nachfragen dieser Zeitung ihren Namen nicht erwähnt sehen.

Warum? Warum vor den Toren einer Kurstadt in einem Weinanbaugebiet, in 1,8 Kilometer Luftlinie zum Vitalresort Menschel, inmitten von Premium-Wanderwegen, SooNahe-Betrieben und vielen touristischen Highlights eine Biogasanlage? Dies war neben dem Substratmix, den so genannten „Inputstoffen“ wie Mais, Gräser, Getreide, Triticale aber auch Gülle, Geflügelmist oder agroindustriellen Abfällen wie 3000 Tonnen Flotatschlamm, mit der die Anlage betrieben werden soll, die Kernfrage. Biogas-Gegner Pirmin Lutz aus Nußbaum sensibilisierte zu dem Thema und gründete eine starke BI gegen die Biogasanlage.

Nicolas Nickel aus Hochstetten-Dhaun sei „kein Unbekannter in der Region“, so zitierte Pirmin Lutz Zeitungsartikel. Seine Schlussfolgerung, warum er dieses Angebot nicht seiner Heimatgemeinde unterbreitet, wurde mit lautem Beifall und Bravorufen quittiert. Mehr noch: „Alles dreht sich nur ums große Geld. Wenn dem nicht so wäre, würden sie sich hier nicht so beschimpfen lassen“, sagte Winzermeister Eckhard Schlarb aus Meddersheim: Von überall her werde Rindergülle, Geflügelmist und Schadstoffe herbei gekarrt, und die Restsubstrate blieben hier: „Alles versickert in Wasserschutzzonen. Die Äcker können dies nicht ansatzweise verdauen“, sagte Bodenexperte Eckhard Schlarb. Nahrungs- und Lebensmittel für Energie und Geld zu verbrennen, sei ethisch verwerflich und werde sich rächen.

Viel Frust entlud sich über drei Stunden gegen Energieabzocke und Betreiber als rücksichtslose Profiteure, die entgegen jeder Logik und Ethik nur das Geld und Dollarzeichen in den Augen hätten. Hunderte Seiten von im Stich und allein gelassenen Bürgern gebe es im Internet. Rita Haelke wohnt im Rößler Pfad und erhob sich. Sie berichtete über „unerträglichen und bestialischen Gestank über 14 Tage lang- in diesem Zusammenhang ist auch ihr Name mehrfach genannt worden“, sagte sie zu Landwirt Harald Kurz gewandt. All seine Erklärungsversuche wurden, gelinde gesagt, belächelt, wenn nicht gar mit hämischem Beifall quittiert, die Anwesenden nahmen kein Blatt vor den Mund. Von einem Amt sei sie an eine andere Behörde verwiesen und vertröstet worden, Zuständig gefühlt habe sich niemand.

Die Rede ist von 3000 Tonnen Flotatschlämmen pro Jahr, teils aus Monzingen und Bad Sobernheim so wie sie derzeit mit Kalk vermischt auf  Feldern der Region ausgebracht werden: „Dies reicht uns vollkommen – wir bekommen alles ab“, sagte Helmut Mohr aus Bad Sobernheim zur Luftverpestung, die keiner Kurstadt würdig sei, was eine Biogasanlage noch einmal extrem verschärfe.

„Es stinkt“- vermutlich bekämen die Lieferanten noch Geld dafür, ihre Substrate anzukarren und los zu werden, dachte Geschäftsmann Paul Jores laut nach. „Kein Risiko eingehen- für die Umwelt, Kinder und Enkelkinder Verantwortung übernehmen und Sorge tragen“, sagte er. Just am Freitag war „Weltwassertag“- Bürger appellierten an Nachhaltigkeit, an die Sensibilität der Natur: Als Hannelore Karch vor 28 Jahren nach Nußbaum kam, sei das Grundwasser so belastet gewesen, dass Kindern Mineralwasser verabreicht wurde. Über Mais-Monokultur, über das Ungleichgewicht in Flora und Fauna, von Schwarzwildpopulation und Bienensterben berichtete Katja Jaborek (Nußbaum). Der Ruf nach der Politik wurde laut („…tut endlich was`- dafür werdet ihr bezahlt“), Hartmut Herzberg fragte vorwurfsvoll: „Wo sind heute die `Bad` Vertreter?“ Während Beigeordneter Alois Bruckmeier bisher „nur die Version von ABO-Wind“ kenne, polterte Rudi Hill lautstark los: Aufgrund uraltem Bergrecht habe man im Steinbruch „Marta“ Schiffbruch erlitten, so was dürfe nie mehr passieren: „98 Prozent hier im Saal sind gegen den Koloss, der uns alle schaden wird. Wir wollen nicht der Misthaufen anderer werden, müssen zusammen stehen und dies verhindern“, rief er lauthals für die FWG aus. Kommunale VG-Vertreter oder Stadtratsmitglieder waren nicht bis gar nicht anwesend. „Wie können Grüne so etwas befürworten?“ wetterte Gastgeber Pirmin Lutz. Deren Vertreterin Elke Kiltz (Nußbaum) fühlte sich „falsch zitiert“. Gelächter brach aus.

„Falsch zitiert! – Die ist durchschaut. Wie immer sind die Zeitungsleute die Deppen, und die gewieften Politiker glänzen und stolpern die Treppe hoch!“, sagte ein Besucher. Trotzdem werde sie nicht dieser Bürgerbewegung beitreten, bevor nicht die Umweltverträglichkeit vorliege, sagte Elke Kiltz. Pirmin Lutz konterte: Im Naturpark keine Windräder, aber im Nahetal in der Kurstadt eine „krank machende und stinkende Biogasanlage – An welcher Stelle steht der Mensch?“.

Zuvor hatte Pirmin Lutz unbeirrt 90 Minuten lang seine Vita und seinen Standpunkt vertreten und anhand von aktuellen Internetforen die Komplexität thematisiert. Nein, er sei kein Revoluzzer, kein Aktivist, aber er wolle nicht sehenden Auges dieses Desaster erleben und weghören: „Wenn die Anlage steht, ist es zu spät“. Hätte er nur gemietet, könnte er wegziehen, aber so? Er informierte über die Gefährlichkeit einer Explosion der Biogasanlage, über marode alte Gülletanklaster, über übel riechende Buttersäure, Ammoniak und Co., hochgiftige Gase mit flüchtigen Eigenschaften wie Schwefelwasserstoff, über Biogas als Etikettenschwindel, über Werteverluste bei Immobilien, gefährdete Arbeitsplätze und Lebensmittelvernichtung.

Spätestens als die Nußbaumer approbierte Ärztin und Gemeinderätin Marika Blümer eine flammende Predigt über die Gefährlichkeit des 120 Grad hitze-, kälte sowie radioaktiv resistenten, stäbchenförmigen Bakteriums, dem Sporenbildenden „Clostridium botulinum“ berichtete, wo Tiere in Norddeutschland verendeten und die Sporen überlebten, stockte den über 130 Zuhörern der Atem. Die Diskussion des auf Sojasprossen nachgewiesenen EHEC- Erregers sei noch in aller Munde, weitere mutierende Erreger auf dem Vormarsch und erst der Anfang. Kolibakterien, Sporen des  Clostridium botulinum und sein Gift Botulinumtoxin könne bei idealen 40 Grad in der Biogasanlage sein Gengut austauschen, und dann gebe es „erwiesenermaßen etwas brandgefährlich Neues“.


130 Bürger kamen

Landwirt Harald Kurz (Sobernheim) kontra Winzer Eckhard Schlarb (Meddersheim)

links Paul Jores- Mitte: Dr. Marika Blümer