Stiftskirche St. Johannisberg: Reformation nachgespielt & Zeit zurückgedreht!

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FOTOS UNTEN ANKlicken! Hochstetten-Dhaun. In traumhaftem Ambiente bei Kerzenschein und Schwedenfeuer wurde in der kleinen Stiftskirche St. Johannisberg und im Kirchgarten das Reformationsspiel aufgeführt und die Zeit um 494 zurück gedreht. Luthers Anaschlag der 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg war das epochalste Ereignis seiner Zeit.

„Kaiserliche Majestät, hochwohlgeborene Kurfürsten, edle Ritter, stattlich-holde Frauenzimmer, Gäste aus Jülich, Volk von St. Johannisberg und aus den benachbarten Gemarkungen, dies ist ein ganz besonderer Tag“, begrüßte Pfarrer Volker Dressel ergriffen in einer nicht alltäglichen Anrede. Martin Luther habe oft mit sich gehadert und um Gottes Hilfe gefleht. Solch ein Spektakel und den voluminös gesungenen Eingangschoral „Sonne der Gerechtigkeit“ dürfte die kleine Stiftskirche seit ihrer urkundlichen Erwähnung 1283 noch nicht erlebt haben. „Ich denke es ist Heiligabend. Aber: Wie geht sie auf, die Tür zum Paradies? Das Volk lechzt nach Befreiung und Veränderung“, rief Dressel aus, und gab die Kanzel frei für den Dominikanermönch und papstreuen Ablassprediger Johannes Tetzel. Der frühere Becherbacher Pfarrer Horst Grothe spielte diesen Part; - er genoss das Wiedersehen sichtlich und war mit seiner Familie und Konfirmanden von seiner neuen Wirkungsstätte Jülich an die Nahe gereist. Sein Widersacher war Frederik Fisher als Martin Luther, der sich vor den Augen des Kaisers, vor Klerus und Volk in Gestalt der Kurfürsten in prächtigem Gewandt mit Hermelinüberwurf Wortscharmützel mit Tetzel lieferte. Mit dem Anschlag seiner 95 Thesen am 31. Oktober 1517 an der Schlosskirche zu Wittenberg warf Luther eine brennende Lunte ins Pulverfass, das die abendländische Kirche zerriss und Reformationsfeldzüge nach sich zog.

Im Kirchgarten spielte die Becherbacher Jugendgruppe in mehreren Szenen den Thesenanschlag und Luthers Jahre authentisch und realitätsgetreu nach. Sowohl kulturelle als auch lebensweltliche Aspekte flossen originalgetreu ein. Zur Freude des Publikums wirkte die Laienspielschar routiniert und abgeklärt und ging auf spontane Ereignisse theatralisch ein. Den Armen zu geben und Bedürftigen zu helfen, sei besser als jeder Ablasshandel, war Tenor. Luther musste sich im Reichstag zu Worms für die Sprengkraft seiner Zeilen verantworten, auf der Wartburg begegnete er dem Teufel. Die Besucher verfolgten andächtig, nachdenklich und herzlich applaudierend die Szenerie. Den heiligsten Kaiser Karl V. spielte Steffen Barth, Achim Engel mimte Caspar Sturm, den Herold des Reiches.

Zuvor führte die Sprengelburger Ritterschaft eine scharfe Klinge. Sie griff den Fehde-Handschuh auf und lieferte sich spektakuläre Kämpfe. Schon nach den ersten Hieben keuchten und fleuchten die stattlich genährten Kämpfer, wegen schwerer Kettenhemden und Plattenpanzer. Auch martialische Waffen wie das Bastardschwert oder den „Rossschinder“ erklärte „Ritter“ Andreas Rauch, der heute lieber eine Tätigkeit bei einer Kreisverwaltung am Glan vorzieht: „Ein Ritter ohne Gaul, war zum Laufen viel zu faul…“

Viele Gewandete gaben ein prächtiges Bild und Schauspiel ab, Bänkelsänger Stefan und Martina Eschrich zogen singend umher. Die zwei Dutzend Helfer des Fördervereins Stiftskirche St. Johannisberg wurden aus dem mittelalterlichen Fundus der VG Kirn-Land eingekleidet. Der Kirchenchor um Jürgen Huppert erfreute mit Reformationsliedern, die heute Abend in der Kirner Kirche zu hören sein werden. Wie VG-Bürgermeister Werner Müller gerieten Hunderte ins Schwärmen: „Einmalig und klasse, dieses Reformationsspiel aufzuführen“. Fördervereins-Vorsitzender Robert Munstein dankte für „eine logistische und organisatorische Glanzleistung aller Mitwirkenden“, dessen Erlös für die Außensanierung der Stiftskirche verwendet wird.

IM FOKUS: Kleine amüsante Anekdote am Rande: Als das etwas erhöht sitzende Tribunal des „Reichstages zu Worms“ um Kaiser Karl V. im Kirchgarten vom Herold des Reiches Caspar Sturm vorgestellt wurde, kippte der Kaiser nach hinten samt Stuhl weg und plumpste aus dem Zelt. Karl V. verschwand quasi komplett von der Bildfläche, ward Sekundenlang nicht gesehen. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, als ihn Geisterhand packte- oh Schreck! Aber: Recke Steffen Barth rappelte sich auf, schüttelte sich, und füllte die Reihen unter Gelächter auf. Da rief ein gewiefter aus dem Volk niederen Standes: „Seht, Kaiser Karl, der Gefallene“. Schlagfertig rief Achim Engel als Caspar Sturm, Herold des Reiches, den Vorlauten zur Räson. „Wärst Du dabei gewesen, hätte dir dafür jetzo dein letztes Stündlein geschlagen“….


Wortscharmützel zwischen Tetzel und Luther

Blessuren gab es gratis bei den Rittern

Edle Frauen kredenzten Süßes & Feines

Hoppla, voll aus den Latschen gekippt

Kirchgarten wurde Reichstag zu Worms